Pogromnacht 9. November 1938: Führung schwarz-helle Nacht in Düsseldorf

Bildnachweis: Theaterkollektiv Pièrre.Vers, Fotograf: Ralf Puder

Eine performative Zeitreise vom Theaterkollektiv Pièrre.Vers
Im November 1938 gab es überall in Deutschland unzählige Pogrome gegen Juden. Besonders am 9. November und an den Folgetagen wütete der Mob, zerstörte Geschäfte, Synagogen, Friedhöfe, Eigentum und das Zuhause jüdischer Einwohnerinnen und Einwohner, die dabei häufig verletzt, in Konzentrationslager verschleppt und sogar ermordet wurden. Die sogenannte „Reichskristallnacht“, deren beschönigender Name heute eher durch „Reichspogromnacht“ oder aufgrund der an vielen Orten tagelang anhaltenden Gewalt durch „Novemberpogrome“ ersetzt wird, ist einer der dunkelsten Tage der deutschen Geschichte und markiert auf einschneidende Weise den Beginn der systematischen Vertreibung und Vernichtung der deutschen Juden.

Zwei Stunden zeitreisen
Die gesamte grauenhafte Atmosphäre und die volle Wucht dieser Geschehnisse, die nicht nur eine Nacht, sondern teilweise sogar mehrere Tage andauerten, ist heutzutage kaum wirklich nachvollziehbar. Dennoch hat das Theaterkollektiv Pièrre.Vers versucht, einen Eindruck davon zu vermitteln. Bei einer „performativen Zeitreise“ nehmen sie Interessierte im wahrsten Sinne des Wortes mit auf eine Tour durch Düsseldorf. Dort hat es während der Reichspogromnacht etwa 450 Überfälle gegeben – eine unfassbare Zahl, vor allem, wenn man nach der Tour überschlägt, wie viele davon in den vergangenen knapp zwei Stunden überhaupt thematisiert werden konnten.

Ausgangspunkt der (Auf-)Führung ist das Hotel Max Brown, an dessen Stelle sich früher das Kaffee-Restaurant Marcus (KaReMa) befand. Kurz vor 18 Uhr melden sich die Teilnehmer vor dem Hotel an, erhalten Kopfhörer, mithilfe derer sie die Schauspielerinnen und Schauspieler während der Führung klar und deutlich durch den Straßenlärm hören können, setzen sich dann gemütlich an einen der Tische im Frühstücksraum und erst einmal trinken Tee – ganz so wie es vielleicht auch einige Gäste des KaReMa am 9. November 1938 getan haben. Und schon sind die Teilnehmer mitten in der Zeitreise, mitten im bedrückenden Geschehen der Novemberpogrome. Das Schicksal der Inhaberfamilie Marcus ist nur das erste von vielen, von dem sie an diesem Abend erfahren werden. Die entspannt wirkende Teerunde wird schnell von den Angriffen auf die jüdischen Inhaber unterbrochen, das Gefühl der sorglosen Normalität des Alltags löst sich von jetzt auf gleich auf.

Aufwändige Inszenierung mit Feingefühl
Um nicht zu viel zu verraten, gehe ich nicht auf die einzelnen Stationen ein, sondern umreiße nur die eine oder andere. Überall sind der unglaubliche Aufwand sowie die Akribie, mit der Opfer- und Augenzeugenberichte zusammengetragen und mit viel Feingefühl zusammengefügt wurden, spürbar. Vom Hotel aus begibt sich die Gruppe durch Little Tokyo in Richtung Mintropplatz. Auf dem Weg dorthin leihen die Künstler den Opfern aller Altersgruppen ihre Stimme. Sie vermitteln eindrücklich, wie den jüdischen Bürgern, die unter anderem im Ersten Weltkrieg für ihr Land gekämpft hatten und sich auch sonst als Teil und in der Mitte der Gesellschaft fühlten, entsetzt klar wurde, dass sie von vielen ihrer Nachbarn, Kollegen und anderen Mitbürger nicht als gleichwertige Bürger gesehen wurden.

Bildnachweis: Theaterkollektiv Pièrre.Vers, Fotograf: Ralf Puder

Zwischen diesen Stationen grausamer Ereignisse springen die Darsteller immer wieder ins Hier und Jetzt, stellen beispielsweise den Knackpunkt vor, eine Anlaufstelle für Mädchen und junge Frauen, die auf der Straße leben. Nach einem kurzen Ausflug in die Gegenwart wird aber immer wieder sehr schnell der Bogen zurück in die Vergangenheit geschlagen.
Vom Mintropplatz aus bringt einer der alten Rheinbahn-Busse die Teilnehmer über Oberbilk und Friedrichstadt bis nach Carlstadt. Immer wieder hält er an bestimmten Stationen an, an denen die Schauspieler von den Geschehnissen in der Nacht des 9. Novembers 1938 berichten, während die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem Bus zusehen – dabei fühlen sie sich fast ein wenig so hilflos, wie sich der eine oder andere der Düsseldorfer Bürger in jener Nacht gefühlt haben mag. Zuletzt stoppt der Bus an der Stelle, an der die alte Synagoge stand. Hier steigen die Teilnehmer aus, erhalten Lampions und erfahren, wie es mit dem jüdischen Leben in Düsseldorf und dem Platz, auf dem sich die Synagoge befand nach 1938 beziehungsweise dem Zweiten Weltkrieg weiterging.

Offene Fragerunde
Die performative Zeitreise endet an dieser Stelle und der Bus bringt die Gruppe zurück zum Hotel Max Brown. Ein Teil bleibt noch, um mit zwei HistorikerInnen der Düsseldorfer Mahn- und Gedenkstätte und Schauspieler Christof Seeger-Zurmühlen, der sich übrigens aktuell mit dem Thema Zwangsarbeiter beschäftigt, die Bürgerbühne leitet und zusammen mit Julia Dillmann auch die künstlerische Leitung der schwarz-helle Nacht übernommen hat, zu diskutieren und Fragen zu stellen.

Ab Montag, 8. November 2021, finden noch zwölf performative Zeitreisen statt, für einige gibt es aktuell noch Tickets und ich kann euch nur wärmstens empfehlen, euch schnell eines davon zu sichern. Eine bessere (Auf-)Führung zu diesem wichtigen Thema, die so aufwändig, umfangreich, durchdacht und feinfühlig umgesetzt wird, werdet ihr wohl kaum ein zweites Mal finden. Und für die Auswärtigen unter euch: Dafür lohnt sich die Anfahrt, sogar samt Übernachtung in Düsseldorf. Versprochen.

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