Irre Liebe: Frank Wedekinds „Lulu“ im Düsseldorfer Schauspielhaus

IMG_20200212_191015Ab heute Abend steht Frank Wedekinds „Lulu“ auf dem Programm des Düsseldorfer Schauspielhauses. Schon vor über hundert Jahren ein Skandalstück und auch heute noch immer wieder im Mittelpunkt kontroverser Diskussionen. Ich hatte am Mittwoch die Gelegenheit, die Voraufführung im großen Haus zu sehen. Und auch wenn seitdem möglicherweise noch die eine oder andere Änderung durchgeführt wurde, bin ich sicher, dass die Reaktionen zur Produktion von Bernadette Sonnenbichler nicht viel anders ausfallen dürften als an diesem Abend.

IMG_20200212_234655_917Kurz zum Inhalt: Die junge Lulu ist Projektionsfläche für die Wunschvorstellungen diverser Männer. Eine sinnliche Traumfrau, die ihre eigene Persönlichkeit verleugnet, um den Männer zu gefallen. Und so geht die eigentliche Lulu in den Ansprüchen ihrer Männer unter: Jeder von ihnen gibt ihr einen Namen, den er für den passenden hält. Nelli, Eva, Mignon… mehr possierliches Tierchen als ernstgenommene Partnerin auf Augenhöhe lässt sich Lulu ganz auf die Eigenarten ihrer Männer ein. Dennoch ist ihre ursprüngliche Natur, ihr wahres Ich stärker und kommt immer wieder hinter dem gefügigen Weibchen hervor. Die Männer bezahlen den Versuch der Domestizierung Lulus der Reihe nach mit dem Tod.

Von großartigen Schauspielern und unhöflichen Zuschauern
Gerade erst bin ich von einer kurzen Geschäftsreise zurückgekommen, habe mich schnell fertig gemacht, eine Kleinigkeit gegessen und schon bin ich auf dem Weg ins Schauspielhaus. Pünktlich treffe ich dort meine Begleitung, wir trinken noch schnell etwas und es geht los.
Das Bühnenbild erinnert vermutlich nicht nur mich an eine Gummizelle. Lieke Hoppe, die Lulu spielt, bewegt sich in dieser Umgebung dann zunächst auch wie man es klassischerweise von einer Wahnsinnigen erwartet.

IMG_20200212_234655_944Als das Stück schließlich richtig beginnt, zeigt sich, dass Lulus zellenartiger Kosmos erst ein Atelier und darauffolgend verschiedene Räume darstellt. Zunehmend zerstört und verschmutzt spiegelt der Raum auch Lulus an der Realität der Liebe und des Lebens scheiterndes Selbst wider.
Wie ich es vom Schauspielhaus gewohnt bin, sind die Schauspieler großartig. Wolfgang Michalek, Markus Danzeisen, Henning Flüsloh, der nur wenige Minuten zu Beginn des Stückes auftretende Andreas Grothgar und all die anderen. Aber allen voran natürlich Lieke Hoppe. Als einzige Frau auf der Bühne schwirren die Männer mit zunehmender Heftigkeit um sie und ihr Schauspiel herum. Im Hintergrund spielt Jacob Suske die passende Musik ein. Eine Feier der Weiblichkeit und der Sehnsucht nach deren unrealistischer Perfektion.

Und obwohl meine Begleitung weder von Hunger noch von Müdigkeit geplagt wird und die Schauspieler ebenfalls toll findet, geht sie in der Pause genervt nach Hause. Vermutlich habe ich noch nie so viele Zuschauer während einer Voraufführung rausgehen (was ich übrigens grob unhöflich finde) oder nach der Pause nicht mehr gesehen – abgesehen von extrem langen Produktionen oder solchen, bei denen recht klar war, dass der Schluss noch nicht existiert. Und ziemlich sicher hatte ich das so auch noch bei keiner regulären Aufführung. Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr ich auf die Kritiken gespannt bin.

Von Kunstblut und Schwanzparaden
Ich glaube, als ich zum letzten Mal so viel nackte Haut auf einmal gesehen habe, musste ich durch den FKK-Bereich an einem Badesee bei Jena gehen, um zum „textilen“ Badebereich zu kommen. Vielleicht war es aber auch in der Sauna.
Jedenfalls begann das Stück bereits mit einer längere Zeit nackt und regungslos am Bühnenrand stehenden und ins Publikum blickenden Lulu, und auch etwa der Hälfte der männlichen Schauspieler war kein durchgängig bekleideter Auftritt vergönnt. Angesichts der Schwanzparade möchte ich es noch mal betonen: Es gibt eine Story. Und das Stück ist zwar sicherlich keine einfache und leicht verdauliche Kost, aber toll. Wirklich.

IMG_20200212_234655_918Vermutlich ist es euch gar nicht aufgefallen, aber ich muss gestehen: Wenn ich bei einer Inszenierung viel nackte Haut und / oder Blut (gähn) sehe, falle ich direkt in eine genervte Anti-Haltung. Für mich ist deren überbordender Einsatz inzwischen meist gleichgesetzt mit der Unfähigkeit des Regisseurs, Nuancen und anderes in der Produktion durch feinere Stilmittel auszudrücken. Geht das nur mir so? Dabei hat Bernadette Sonnenbichler den Einsatz plumper Mittel gar nicht nötig. Zumindest ich hätte es gerne anders oder wenigstens subtiler umgesetzt gesehen. Vielleicht sehen andere Zuschauer das aber genau gegensätzlich.

Jedenfalls funktioniert es auch anders. Beispielsweise war die Darstellung der abgeschlagenen Hände durch rote Handschuhe in der Titus Andronicus-Inszenierung beim Shakespeare Festival 2013 in Neuss großartig und wirkungsvoller als Ströme von Kunstblut. Ich habe während der Aufführung des Tang Shu-Wing Theater Studios aus Hongkong trotz ausgefallener Untertitel – also letztendlich nichts verstehend, mein Chinesisch ist nämlich wirklich schlecht – geheult wie ein Schlosshund, so sehr hat mich dieses Stück berührt. Kunstblutbäche hätten mich vermutlich nur von der eigentlichen Handlung abgelenkt und definitiv nicht den gleichen Effekt gehabt.

Aber auch Bernadette Sonnenbichler schafft es, ohne Blut (oder nackte Haut) schockierende Szenen darzustellen. Jeder, der mindestens die letzten zehn unfassbar intensiven Minuten von Lulu gesehen hat, wird mir sicherlich beipflichten.

Ein Gutes hatte die nackte Haut vielleicht sogar: Mein Sitznachbar ist während der Vorstellung nicht eingeschlafen. Das Jahr 2020 ist in dieser Hinsicht bisher eindeutig erfolgreicher als 2019, als innerhalb weniger Monate etwa fünf oder sechs Männer neben mir im Theater eingeschlafen sind. Übrigens bis auf einen alles Fremde. Solltet ihr also unter Schlafstörungen leiden: Geht mit mir ins Theater, ich habe eine beruhigende Wirkung auf Männer. Ja, ich bin auch besorgt.

Von Wahnsinn und Schlaflosigkeit
Aber genug der Exkurse. Verdammt noch mal! (pardon my French) – was ist Lieke Hoppe für eine großartige, schonungslose Schauspielerin! Von der Inszenierung kann jeder halten, was er möchte; die Schauspieler sind absolut alle toll; aber schon Lieke Hoppes überragende Leistung alleine ist es in jedem Fall wert, sich „Lulu“ anzusehen. Unfassbarer Irrsinn!

Wie erwartet habe ich nach der Voraufführung vor lauter Begeisterung mal wieder nicht schlafen können. Diese Kunst auch immer. Vrdmmt. Wer hingegen in der gleichen Nacht wie ein Stein geschlafen haben sollte und das auch heute Nacht sicherlich tun wird, ist Lieke Hoppe. Jemand, der nach dieser unfassbaren künstlerischen Leistung nicht mindestens körperlich vollkommen fertig ist, der ist eine Maschine – oder ein Cyborg 😉

Diese „Lulu“ Inszenierung kann vermutlich nur als „irrer Wahnsinn“ beschrieben werden – und das kann jeder deuten wie er möchte. Lieke Hoppe lässt aber nur eine Deutung zu: genial. Lulus diversen Männer hätten es wohl so formuliert: Genießt sie, solange wir sie noch in Düsseldorf haben!

Die nächste Aufführung von „Lulu“ ist am Freitag, 21. Februar.

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