Andreas Quartier – Umstrittenes Bauprojekt in Düsseldorf

FullSizeRender_3Seit fast fünf Jahren wohne ich in Düsseldorf. Fast ebenso lange wird an dem Gebäude-Komplex zwischen Ratinger und Mühlenstraße in der Altstadt gebaut. Düsseldorfer werden wissen, wie umstritten das Bauprojekt ist: Schließlich liegt das Grundstück mitten in der Altstadt, und die Ratinger Straße ist vor allem bei Düsseldorfern eine beliebte Ausgehmeile, auf der im Sommer tausende Gäste zusammen auf der Straße trinken, klönen und feiern. Immer wieder werden Bedenken laut, dass die zu erwartenden zahlungskräftigen Eigentümer die anliegenden Gastronomen wegen des selbstverständlich vorhandenen Lärms verklagen werden und damit das „Nacht“leben auf der Ratinger ab spätestens Mitternacht zum Erliegen kommen wird. Ich habe mich heute vor Ort ein wenig informiert.

Das ehemalige Königliche Amtsgericht und ein größerer Neubaubereich werden in Kürze offiziell eröffnet. In der Bezeichnung des Gebäudekomplexes darf natürlich das im Immobilienmarketingdeutsch aktuell so beliebte „Quartier“ nicht fehlen. Und so werden demnächst im Andreas Quartier Eigentümer, Mieter, Künstler, Kurzzeitmieter, Gewerbetreibende und Gastronomen in das vom Immobilien-Investmenthauses Frankonia Eurobau AG aus Nettetal geplante Ensemble einziehen.

FullSizeRenderSamstags und sonntags ist die AQ-Baustelle von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Ich habe die Chance genutzt, um einen Blick in das Gebäude zu werfen. Dazu muss ich sagen, dass ich dem Ganzen nicht unvoreingenommen gegenüberstehe. Gefühlt entstehen seit einigen Jahren überall in Düsseldorf die gleichen architektonischen Schuhkartons im Luxussegment, die scheinbar vor allem als Anlageobjekte für Investoren  und nicht als Lebensraum für Menschen gebaut werden. Das kann keinem Einwohner Düsseldorfs gleichgültig sein und das ist es mir selbstverständlich ebenfalls nicht.

Ich muss allerdings zugeben, dass die Frankonia zum einen vorausschauend Einiges richtig gemacht zu haben scheint und zum anderen gute Öffentlichkeitsarbeit betreibt. Der Mitarbeiter, der mich und ein Paar herumführt, vermittelt mir jedenfalls schnell den Eindruck, dass die AG zwischen Anwohnern und Investoren vermitteln möchte.

FullSizeRender_4Im beeindruckenden, alten Amtsgerichtsgebäude sollen Gastronomien auch Düsseldorfer aus anderen Stadtteilen anziehen. Ich bin sicher, dass die Terrassen an der Mühlenstraße schnell nicht nur von Touristen gut besucht sein werden. Im weiteren Bereich des Gebäudes entstehen ebenfalls Gewerbeflächen. Ein kleiner Innenhof zwischen dem Amtsgericht und dem nächsten Gebäude bietet zudem der Gastronomie eine weitere windgeschützte Außenfläche. Nach Informationen auf der Website des Bauprojekts werden dort das Steakhaus Mash und das „Cafe du Sommelier“ einziehen.
Direkt daran anschließend bietet ein Boardinghouse möbliertes Wohnen für Kurzzeitmieter – selbstverständlich auf hohem und vermutlich auch dementsprechend teuren Niveau. Das Gebäude bildet zugleich den Übergang zu den Dauerresidenzen. Zu denen gelangen die Bewohner über einen begrünten Innenhof mit Springbrunnen.

Beiden Komplexen steht ein Concierge zur Verfügung. Die Bewohner müssen sich also keine Sorgen machen, dass sie ihre Pakete etwa bei einem Nachbarn abholen und diesen dadurch vielleicht kennen lernen müssen. Und so wie ich Concierge-Services kenne, dürfte sich auch keiner der Anwohner mehr um den Reinigungs- und Bügelservice kümmern müssen.

Der Mitarbeiter von Frankonia weist darauf hin, dass die Mieter des Boardinghouse durch die Nähe zu den regulären Anwohnern auch in das Leben in der Stadt integriert werden und Kontakte mit den Einwohnern knüpfen sollen. Außerdem habe das Unternehmen darauf geachtet, dass der Bereich der Eigentumswohnungen so ruhig beziehungsweise so schallisolierend wie möglich konzipiert wurde.

FullSizeRender_5Um einen Übergang zur Ratinger Straße zu haben, wohin auch die kleineren Wohneinheiten ausgerichtet sind, wurde an der Ecke zur Neubrückstraße zusätzlich Gastronomie eingeplant. Dort gibt es nach Informationen des Mitarbeiters bereits einen prominenten Mieter: Jamie Oliver beziehungsweise das Unternehmen, das sein Franchise betreibt, werde dort im Sommer sein Restaurant eröffnen. Ob er von dem Hin und Her und der aktuell im Raum stehenden Absage hinsichtlich des Einzugs weiß? Sei’s drum: Direkt über der Gastronomie beziehen auf jeden Fall Unternehmen ihre neuen Büros.

Hinter dem rechten Eigentümerflügel entsteht ein öffentlicher, begrünter Hinterhof, der wiederum hinter dem von der Raiffeisen-Stiftung gekauften Mietobjekten liegt. Direkt neben diesen Wohnungen befindet sich ein fünfstöckiger, verglaster Kubus für Künstler. Im Erdgeschoss des Gebäudes zieht das Café Mutter Ey ein – eine Reminiszenz an Düsseldorfs berühmteste Gastwirtin und Künstlerförderin. Darüber entstehen Begegnungsstätten für Künstler. Die geplante Mutter Ey-Statue direkt vor dem Gebäude war nach meiner Ansicht schon lange überfällig.

FullSizeRender (7)Das Paar erkundigt sich vorsichtig nach den Preisen. Ich wette auf 7.000€ plus – das sollen gerüchteweise die Wohnungen, die demnächst auf dem Gelände des leerstehenden Franziskanerklosters an der Immermannstraße enstehen, pro Quadratmeter kosten. Ich werde nicht enttäuscht: Je nach Lage der Immobilie kostet der Quadratmeter etwa ab 7.500€ und geht bis in den fünfstelligen Bereich. Von den Eigentumswohnungen sind zwischen 60 und 65 Prozent verkauft, bezogen auf alle Einheiten sogar 70 bis 75 Prozent.
Bereits am 22. Juli soll das Andreas Quartier offiziell eröffnet werden. Aber schon jetzt sind erste Wohneinheiten freigegeben worden und Bewohner eingezogen. Für den freundlichen Mitarbeiter ist eine Aktion von HA Schult, der schon im April vergangenen Jahres seine Trash People im alten Amtsgericht ausstellte, ein absolutes Highlight. Für die Eröffnung ist ein neues Projekt mit dem Künstler geplant: Er ruft dazu auf, zwischen dem 22. Juni und 2. Juli Gedanken zum Thema Freiheit einzureichen, die er in einer großen Collage verarbeiten möchte.

Mein Fazit dieses kurzen Besuchs: Ich bin immer noch skeptisch, ob die Umsetzung der „Eingliederungs-Pläne“ so gelingen wird. Vor allem, ob es keine größeren Reibungspunkte zwischen Neubewohnern und eingesessenen Gastronomien geben wird. Aber zumindest habe ich den Eindruck gewonnen, dass man sich bei Frankonia Gedanken gemacht hat, wie man die Immobilie und ihre neuen Bewohner in die bestehenden Strukturen eingliedern und vor allem Investoren vorab über die zu erwartenden Beeinträchtigungen in dem lebendigen Viertel aufklären kann.

FullSizeRender_1Und seien wir ehrlich: Eine Immobilie in dieser Lage kann nur von einem größeren Investor gestemmt werden. Es war immer unwahrscheinlich, dass hier kein Investionsobjekt entstehen würde. Vielleicht hätten sich andere Unternehmen weniger Gedanken gemacht als Frankonia. Vermutlich hat es die Altstadt trotz der, wie zu erwarten war, finanzstarken neuen Eigentümer und Bewohner nicht so schlecht getroffen, wie es hätte sein können. Davon überzeugt bin ich allerdings frühestens, wenn auch im kommenden Sommer keiner der neuen Bewohner gegen den Lärm auf der Ratinger Straße geklagt hat. Aber diese seltsam unpassend wirkenden, verschnörkelten Balkone werde ich auch dann immer noch schrecklich finden.

 

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