Düsseldorf Rundgang Kunstakademie

Rundgang der Kunstakademie: Besuch bei den Stars von morgen

Düsseldorf Rundgang Kunstakademie Die Düsseldorfer Kunstakademie hat etliche bekannte und auch berühmte Künstler zu dem gemacht, was sie heute sind (oder was sie waren): August Macke, Jörg Immendorf, Christoph Schlingensief, Ralf König (ja, genau der), Günther Uecker, Gregor Schneider, Bernd und Hilla Becher, Günter Grass, Katharina Fritsch, Joseph Beuys, Andreas Gursky und den wohl bekanntesten lebenden deutschen Maler Gerhard Richter.
Aber ob bekannt oder nicht: Interessant und sehenswert sind nicht nur die Werke der Absolventen, sondern auch die der Studenten der Akademie. Am Anfang jeden Jahres können sich Kunstinteressierte davon überzeugen und die Chance nutzen, die Werke der zukünftigen Stars der Kunstszene zu bewundern. Beim Rundgang der Kunstakademie stellen die Studenten fünf Tage lang ihre Abschlussarbeiten aus.

So auch in diesem Jahr. Als ich an einem Werktag mittags – Urlaub sei Dank – die Kunstakademie betrete, sind vor allem Schülergruppen, Studenten, die ihre Freunde besuchen und die Werke ihrer Kommilitonen betrachten, und die intellektuelle (Sammler-)Elite der Region, die sich offensichtlich durchweg im Rentenalter befindet, in den Räumlichkeiten unterwegs. Die starke Anwesenheit der letztgenannten (Alters-)Gruppe ist vermutlich und hoffentlich der Tageszeit geschuldet. Ansonsten mache ich mir ernsthafte Sorgen um die mittelfristige Zukunft der Düsseldorfer Museen.

Düsseldorf Rundgang Kunstakademie "Selfie"Die älteren Besucher stehen bevorzugt mit vor der Brust oder hinter dem Rücken verschränkten Armen vor den Werken und diskutieren eifrig. Oder hetzen von Raum zu Raum, gerade so, als hätten sie angst, jemand könne mit seinen Blicken die Werke verschwinden lassen, bevor sie diese gesehen haben. Wiederum andere rennen hektisch mit ihren Kameras samt riesiger Objektive durch die Räume, fotografieren zwei, drei Werke und laufen weiter als seien sie auf der Flucht. Eine Fotosafari der besonderen Art.

Düsseldorf Kunstakademie RundgangDie Besucher, die eindeutig als Freunde der Studenten erkennbar sind, schlendern eher durch die Räume, begrüßen hier und da Freunde und Bekannte,bewundern die in den Waschbecken abgestellten „Gratulations-Blumensträuße“ sprechen über dies und das, aber nicht ausschließlich über die ausgestellten Kunstwerke.
Unzählige Schülergruppen sind mehr oder minder enthusiastisch, zum Teil kichernd („Hihi. Eine Taschenmuschi. Hihi.“ Ja, Kunst kann durchaus in jedem Alter verwirrend sein.) unterwegs. In kleine Grüppchen aufgeteilt versuchen sie, vermutlich von Lehrern gestellte Aufgaben zu bewältigen. „Das hier ist unser Raum, oder was meint ihr? Was sollen wir darüber schreiben?“ Oje, die Armen! Müsste ich einen einzigen Raum der auf vier Etagen verteilten etwa 75 Räume als interessantesten, schönsten oder spannendsten auswählen, hätte ich ein großes Problem.

Düsseldorf Rundgang KunstakademieDie Räume sind verschiedenen Klassen der lehrenden Professoren zugeteilt, die wiederum etliche Kunstrichtungen abdecken. Videokunst. Fotografie. Malerei. Baukunst. Bühnenbild. Bildhauerei. Und mehr. Manches ist leichter zugänglich, anderes erschließt sich (mir) auch nach längerem Nachdenken nicht.
Ich mag Kunst vor allem, weil sie – unabhängig davon, ob man sie gut, schön oder sonstwie findet – so gut wie immer Gefühle in mir auslöst. Und das dürfen auch gerne Ekel, Angst, Abscheu, Unverständnis, ein undefinierbares, ungutes Gefühl oder anderes Negatives sein. Nach meiner Ansicht sollte Kunst nämlich genau das sein. Emotion.

Düsseldorf Rundgang KunstakademieDie Studenten der Kunstakademie spielen mit den Facetten dieser Emotionen. Beispielsweise mit alptraumhaften Bildern, aus denen Gesichter oder Hände ragen. Vor einem dieser Bilder steht die Figur eines Mädchens, das nach der Hand der Kreatur greift, die aus dem Gemälde herausschaut. Die Künstlerin erzählt, dass sie nach den alten Schuhen des Mädchens über ein Jahr gesucht habe. Schließlich sollten sie original sein, Sneaker hätten der Wirkung des Bildes eher geschadet. Auch der Teddy, den das Kind hält, ist schon etliche Jahrzehnte alt.

Emotionen löst bei mir auch der abgedunkelte Verschlag aus, in dem ich nur mit voran gestreckten Händen langsam laufend sicher sein kann, dass ich nicht mit anderen eventuell im Raum befindlichen Personen zusammenstoße. Etwas Ähnliches habe ich auf der dOCUMENTA(13) erlebt, und ich fand es vergleichbar unangenehm, obwohl dort ein Saal abgedunkelt und somit das klaustrophobische Gefühl für mich gemindert wurde.

Düsseldorf Rundgang KunstakademieIm ersten Stock der Hochschule riecht es nach Waffeln. Für einen Euro können die Besucher aufkommenden Appetit oder gar Hunger kurzfristig stillen. Ich kann natürlich nicht widerstehen. Eine Veranstaltung ganz nach meinem Geschmack.
Im Flur vor dem Waffelraum verkaufen Studenten kleine Gemälde und porträtieren Besucher für jeweils 20 Euro. Das Angebot scheint gut anzukommen. Auch an Schaulustigen besteht kein Mangel. Ich bemitleide die Porträtierten ein wenig. Für mich wäre dieser ganze Rummel nichts.

Inzwischen sind die Räume gut besucht. In einigen kommt man tatsächlich kaum noch dazu, die Kunstwerke in Ruhe zu betrachten. Immer wieder strömen Besucher hinein, viele so wie ich „bewaffnet“ mit Smartphone oder richtiger Kamera, um besonders Beeindruckendes dauerhaft festzuhalten.

Düsseldorf Rundgang KunstakademieDie Kunsthochschule ist für mich eine einzige, wunderbare Reizüberflutung: In einem Raum hängt ein grauer Anzug an der Wand, der an Beuys‘ Filzanzug erinnert. Im Gegensatz zu diesem besteht er allerdings aus (einer Art?) Abdeckvlies und befindet sich in einem dünnen Plastikkleidersack, gerade so als käme er direkt aus der Reinigung. In einem anderen Raum liegen Eierschalenhälften auf dem Boden, großflächig zu einem Muster ausgelegt. Ein junger Mann mit einem Rucksack steht in der Ecke des nächsten Raumes und fegt unablässig.

Meine Vorliebe für Lichtkunst finde ich leider nur in einem Raum in den oberen Stockwerken ansatzweise befriedigt: Dort erhellen ungleichmäßig drehende, an der sich hoch oben befindlichen Fensterfront angebrachte, große Strahler den kleinen Raum mit grellen Lichtmustern.

Düsseldorf Rundgang KunstakademieEin Raum ist mit weißem Stoff horizontal geteilt. Kleine Treppen führen zu etwa sieben in den Stoff geschnittenen großen Löchern. Die Besucher bleiben erst verwirrt, dann fasziniert und amüsiert stehen und steigen schließlich frei werdende Podeste hinauf. Im oberen Teil des Raumes tauchen ihre Köpfe langsam wieder auf. Dort befinden sich die eigentlichen Kunstwerke. Doch die Installation und die auf- und abtauchenden Köpfe lenken mich dermaßen davon ab, dass ich mich im Nachhinein kaum noch an irgendetwas erinnern kann. Wie gesagt: die absolute Reizüberflutung.

Mein Abschiedsritual ist der Gang über die Terrasse im obersten Stock der Kunsthochschule. Von dort aus hat man bei gutem Wetter einen wunderbaren Blick über die Düsseldorfer Altstadt bis hin zum Hafen und über den Rhein nach Oberkassel. Wie immer bleibe ich hier einige Minuten stehen und genieße die Aussicht.
Dann steige ich langsam wieder die Stockwerke durch die Menschenmassen hinab. Als ich vor die Tür der Kunstakademie trete, weht Maischeduft aus der benachbarten Füchschen-Brauerei herüber. Düsseldorf ist ziemlich großartig.

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6 Gedanken zu “Rundgang der Kunstakademie: Besuch bei den Stars von morgen

  1. David schreibt:

    Mal abwarten, wie viele davon Stars werden 😉 Was ich mich immer frage, wenn ich da bin: wie bewertet man so was? Die bekommen doch auch Noten? Originalität? Handwerk?

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    • Futterqueen schreibt:

      Die Chancen stehen jedenfalls nicht schlecht 🙂
      Ja, das habe ich mich auch schon gefragt. Vermutlich ist es wie in allen Lehreinrichtungen: Orientierung an den gängigen Normen des jeweiligen Fachs plus persönliche Vorlieben plus Individualitätstoleranz der Lehrenden.

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  2. David schreibt:

    Wobei Kunst, die den Normen entspricht, ja gerade eher langweilig und „schlecht“ ist. Kunst soll Normen durchbrechen. Vor ein paar Jahren gab es Dutzende Bilder von Geschlechtsteilen, das ist irgendwann auch nicht mehr provokativ, sondern einfach nur langweilig. Auch dieses Mal hat mich nur wenig so richtig vom Hocker gerissen, vielem fehlt für mich die Einzigartigkeit, die es wirklich zu Kunst machen würde.

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    • Futterqueen schreibt:

      Das sehe ich auch so. Aber wie du schon sagtest: So als Außenstehender ist das eher schwer nachzuvollziehen, wie da bewertet wird. Und „Normen“ in irgendeiner Form wird und muss es für eine Bewertung ja geben.
      Bezüglich der Art, wie es bewertet werden sollte, sind wir uns wohl ziemlich einig.
      So schön ich den Rundgang auch finde, so sehr stimme ich dir auch darin zu, dass Herausragendes, vor allem im Sinne von „nicht um der Provokation willen Provozierendes“, sondern im Sinne von Grenzen überschreitend, einzigartig und besonders, fehlte. Aber letztendlich handelt es sich immer noch um frische Absolventen. Sie haben das Rüstzeug erhalten. Ab jetzt müssen sie alleine lernen und sich weiterentwickeln. Und das wird bei dem einen oder anderen sicher eine spannende Reise werden.

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