Blancanieves – Märchenmotive in Schwarz und Weiß

Filmposter, Maribel Verdu in Pablo Bergers BLANCANIEVES (Foto: Cohen Media Group/Yuko Harami)

Filmposter, Maribel Verdu in Pablo Bergers BLANCANIEVES (Foto: Cohen Media Group/Yuko Harami)

Der Oscar-prämierte Film The Artist sorgte vor knapp zwei Jahren für Furore. Dass ein Stummfilm in der heutigen Zeit Zuschauer in die Kinos locken sollte, schien nahezu unmöglich. Und doch hat er bis Mitte November 2013 mehr als 650.000 Besucher allein in deutsche Kinos gelockt. Der Film des französischen Regisseurs Michel Hazanavicius bestach die Kritiker vor allem durch seinen „besonderen Charme“ und sei „rührend, charmant und voller Eleganz“.
Seit kurzem läuft nun ein weiterer Stummfilm in den deutschen Kinos: Blancanieves orientiert sich an Motiven des Märchens Schneewittchen. Doch letztendlich ist er alles andere als das Märchen, das wir sicher alle aus unseren Kindertagen kennen. Ist er vielleicht sogar der nächste Stummfilm-Oscar-Kandidat?

Jedem sollte klar sein, dass es sich bei Blancanieves nicht um eine gewöhnliche Märchenadaption handelt. Obwohl der bereits 2011 erschienene Film bei weitem nicht so drastisch ist wie etwa Der andalusische Hund, erinnert er doch atmosphärisch ein wenig an die Filme des Surrealismus. So glücklich und verheißungsvoll er für die Protagonisten beginnt, so dramatisch und bedrückend entwickelt sich die Atmosphäre mit Fortschreiten des Films.

Schließlich wissen wir alle, dass Schneewittchens Kindheit kein Ponyhof ist. Auch dass der spanische Regisseur Pablo Berger den Beginn der Geschichte in der Stierkampfszene Spaniens um 1910 angesiedelt hat, ändert nichts an ihrem tragischen Verlauf. Blancanieves, die hier Carmen heißt, verliert bei ihrer Geburt die Mutter. Ihr Vater ist kurz vorher in der Arena so schwer verletzt worden, dass er immer auf Hilfe anderer Menschen angewiesen sein wird.

Angela Molina und Sophia Oria in Pablo Bergers BLANCANIEVES (Foto: Cohen Media Group/Yuko Harami)

Angela Molina und Sophia Oria in Pablo Bergers BLANCANIEVES (Foto: Cohen Media Group/Yuko Harami)

So wächst die Halbwaise Carmen in den ersten Lebensjahren bei ihrer Großmutter und ohne Kontakt zum Vater auf. Die Bilder zeigen eine nahezu rundherum glückliche Carmen – zum letzten Mal. Denn als die Großmutter überraschend stirbt, zieht sie zum Vater und ist fortan den Schikanen der bösen Stiefmutter ausgesetzt. Mir persönlich war dieser erste Teil etwas zu langatmig. Die Zeit im Haus des Vaters hätte aus meiner Sicht gerne ein wenig abgekürzt werden können. Doch genau in dem Moment, in dem ich dachte, jetzt könne die Geschichte endlich einmal „richtig“ beginnen, macht Berger den herbeigesehnten Zeitsprung: Carmens Kindheit ist vorüber und sie trotz der unglücklichen Zeit zu einer (natürlich) wunderhübschen jungen Frau herangewachsen.

Einiges ist recht vorhersehbar: wer die zukünftige Stiefmutter Carmens sein wird, der Moment, in dem die Großmutter stirbt, und auch wer der Verehrer der älteren Carmen ist, ist ziemlich schnell klar. Doch abgesehen davon und abseits des bekannten Märchengerüsts hält Blancanieves einige Überraschungen für die Kinogänger bereit. Genaueres will ich natürlich nicht verraten. Aber dass Carmen zum Beispiel nur sechs „Zwerge“ trifft, die ihr auch den Namen Blancanieves, Schneewittchen, geben, kann man schon auf dem Filmplakat erkennen.

Bei ihren neuen Begleitern herrscht aber im Gegensatz zu den Märchenzwergen nicht eitel Sonnenschein – und heiß geliebt wird Carmen ebenfalls nicht von jedem von ihnen. Das zieht selbstverständlich für die Dramaturgie interessante Entwicklungen nach sich.
Obwohl die Tradition der Post-Mortem-Fotos bereits ab Anfang des 20. Jahrhunderts nicht mehr praktiziert wurde, greift Berger sie auf und lässt Würdenträger des Ortes, Dorfbewohner und auch Carmen ein „Memento Mori-Fotoshooting“ mit dem toten Vater durchführen. Besonders interessant finde ich außerdem die Idee, der Stiefmutter eine Vorliebe für sadistische (Liebes-)Spielchen zuzuschreiben.

Maribel Verdu in Pablo Berger's BLANCANIEVES (Foto: Cohen Media Group/Yuko Harami)

Maribel Verdu in Pablo Berger’s BLANCANIEVES (Foto: Cohen Media Group/Yuko Harami)

Geschickt verwebt Berger die Motive des Originalmärchens mit dem Schicksal der Stierkämpfertochter im Spanien der 20er Jahre und erzählt seine Variante der Geschichte. Ein wenig fühlte ich mich an Tim Burtons Neuverfilmung von Alice im Wunderland aus dem Jahr 2010 erinnert. Auch hier nutzt der Regisseur die Motive der ursprünglichen Geschichte, um eine neue und überraschende Variante des Stoffs zu erzählen. Allerdings ist die Carmen in Bergers Blancanieves ja gar nicht Schneewittchen, wohingegen die Alice Burtons einfach nur die ältere Alice ist.

Nur recht selten gibt der bei Blancanieves eingeblendete Text den Wortlaut der Dialoge wieder. Kontinuierlich untermalt dafür Musik den Film und erzeugt dabei mehr Stimmung als der Originalton wohl zu erzeugen im Stande gewesen wäre.
Auch das Ende dieses beeindruckenden Films mit ebensolchen Schauspielern kann deshalb kein gewöhnliches sein. Die Rolle des Prinzen überrascht und entwickelt sich anders als wir es gewohnt sind und von einem Märchen erwarten. Mich hat der Ausgang des Films nachdenklich zurückgelassen. „Sprachlos vor Glück“ wie The Artist wird Blancanieves die Zuschauer sicher nicht machen. Aber warum sollte eine tragische, derart kunstvoll umgestaltete Geschichte wie ein gewöhnliches Märchen enden? Das Leben ist eben kein Ponyhof. Vielleicht hat Blancanieves es auch deshalb trotz der Bewerbung als bester fremdsprachiger Film für den Oscar 2012, den der österreichische Film Amour gewann, nicht einmal in die Endauswahl geschafft. Verdient gehabt hätte er es.

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