Urlaub für Arbeit: von Äpfeln, Lämmern und WWOOF – Tag 2

WWOOF Bauernhof Vogelsbergkreis Biohof Bioland StreuobstwieseAm nächsten Morgen meines „Arbeitsurlaubes“ wache ich relativ spät um kurz vor 8 Uhr, auf. Ich will aufstehen, schaffe es aber nicht. Obwohl ich ganz gut geschlafen habe, fühle ich mich wie gerädert. Natürlich schmerzt mein Lendenwirbelbereich immer noch und zu allem Überfluss habe ich an der Außenseite meines rechten Zeigefingers eine offene Blase entdeckt, die ich vermutlich vom dem Apfelgehäckselschippen des Vortages habe. Mimimi. Ich bin wohl doch ein Stadtkind, denke ich, als ich mich seufzend aus dem Bett rolle und ins Bad gehe, um mich fertig zu machen.

Unten an der Treppe begrüßen mich die drei Hunde mit viel verhaltenerem und spürbar erfreuterem Gebell als noch vor einem Tag. Barbara und Jürgen sind bereits wach. Jürgen fragt, ob ich Schafzäune umstellen mag. Keine Ahnung. Zumindest habe ich das noch nie gemacht und irgendwie gehört das ja wohl auch zum Leben auf dem Bauernhof dazu – jedenfalls, wenn er wie dieser Schafe hat. Also stelle ich wohl heute Schafzäune um.

Ausflug zur Streuobstwiese
Aber erst einmal frühstücke ich (ich sage nur: fünf verschiedene, selbst gemachte Marmeladen!). Jürgen muss noch die Tiere füttern und so verabreden wir uns für 13 Uhr. Vorher plant Barbara, mit mir einkaufen zu gehen. Außerdem möchte sie mir den Hof zeigen, den sie und Jürgen vor Kurzem gekauft haben und gerade renovieren und umbauen. Doch auch sie muss erst einmal etwas anderes machen, schließlich warten Kunden auf ihre lektorierten Texte. Also schnappe ich mir die dankbare Berta. Barbara drückt mir drei Säcke in die Hand. Und dann mache ich mich durch den Obstgarten auf den Weg zu einer kleinen Streuobstwiese am Hang, auf der meine Gastgeber ebenfalls einige Obstbäume stehen haben.

Während ich Äpfel auflese, tollt Berta auf der Wiese herum. Geworfene Stöckchen und Äpfel ignoriert sie konsequent – dafür kann ich sie irgendwann nicht mehr auf dem abschüssigen Gelände sehen. Auch auf meine Rufe hin erscheint sie nicht. Langsam werde ich ein wenig nervös und vermutlich auch blass um die Nase. Einige Minuten renne ich über die abschüssige Wiese und suche die unternehmungslustige Hundedame.

Ich stelle mir vor, wie ich Barbara und Jürgen erkläre, dass die trottelige Städterin ihren Altdeutschen Hütehund inmitten von Weiden und Wiesen verloren hat. Doch als ich über den Kamm des Hügels komme, sehe ich sie etwa 50 Meter von mir entfernt. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Als ich nah genug an Berta dran bin und erneut rufe, kommt sie sofort auf mich zu und folgt mir problemlos zur Streuobstwiese.

WWOOF Bauernhof Vogelsbergkreis Biohof Bioland Obstgarten

Gute zweieinhalb Stunden nachdem wir losgegangen sind, habe ich zweieinhalb Säcke, etwa 60 Kilo, Äpfel aufgesammelt. Mein Rücken freut sich natürlich wieder. Aber ich aber die Zeit an der klaren, frischen Luft bei herrlichem Wetter trotzdem sehr genossen. Die Säcke stelle ich auf die Wiese – Jürgen wird sie später abholen – und stapfe mit Berta wieder den Hügel hinunter. Fast bedauere ich ein wenig, bereits fertig zu sein. Andererseits habe ich wieder Hunger und freue mich auch auf die Arbeit mit Jürgen auf den Schafweiden. Keltern werden wir nicht mehr, da sich für die nächsten Tage keine Kunden angekündigt haben. Vielleicht ist das gar nicht mal so schlecht. Wer weiß, wie lange ich das durchgehalten hätte.

Shopping auf dem Land
Als ich zurückkomme, ist Jürgen aber schon wieder unterwegs und so fahren Barbara und ich erst einmal einkaufen. Der nächste größere Supermarkt ist etwa 13 Kilometer entfernt. Ich erinnere mich an die Zeiten, in denen ich in Dörfern gewohnt habe, und schüttele mich. Weite Entfernungen zu relevanten Verkaufsstätten und Gastronomien gehören definitiv zu den unschönen Seiten des Landlebens.

Da ich natürlich etwas für die Region Typisches kaufen möchte, greife ich im Supermarkt zu Bio-Käse von einem Hof in der Nähe (wenn ihr die Chance habt, kauft den Basilikum-Knoblauch-Käse, er ist unglaublich gut) und Kartoffelwurst. Wir überlegen, was es zum Abendessen geben könnte. Ich schlage passend zum herrlichen Frühherbstwetter Flammkuchen vor. Barbara hat den noch nie selber gemacht, also wäre die Aufgabenverteilung auch schon geklärt. Wir packen die Zutaten in den Wagen und machen uns auf den Weg zurück zum Hof.

Nachdem wir die Einkäufe weggebracht haben, zeigt mir Barbara den neuen Hof im Nachbardorf. Hier leben circa 60 (sic!) Einwohner, also noch einmal etwa 45 Einwohner weniger als in dem Ort, in dem die Familie jetzt lebt. Ich habe zwar schon in sehr kleinen Dörfern gewohnt, aber ein Dorf von dieser „Größe“ war nicht dabei. Für mich ist es unvorstellbar, wie das Leben in einem so kleinen Dorf ist, das sich – aus meiner Sicht – fernab jeglicher Zivilisation befindet. Aber idyllisch ist es hier auf jeden Fall. Der neue Hof liegt zwar direkt an der Straße, das ist aber wiederum ein Vorteil für den Hofladen, den Barbara gerade aufbaut. Außerdem dehnt sich das Land weit nach hinten aus und bietet eine weitere Weide für das Vieh.

Das Haus selbst ist toll und hat unglaublich viel Potenzial. Vor meinem inneren Auge kann ich schon förmlich sehen, wie wunderschön das alte Gebäude nach der Renovierung einmal sein wird. Aber bis alles fertig ist, werden sicherlich viele Jahre vergehen. In einigen Räumen ist der Putz abgeblättert, wodurch die Innenleben der alten Lehmputzdecken und -böden sichtbar werden.

Die Böden müssen abgeschliffen, die Leitungen komplett erneuert, die Wände neu verputzt, gestrichen oder/und tapeziert werden. Und das bezieht sich nur auf das Haupthaus. Die Nebengebäude, Stallungen und Scheunen bedürfen ebenfalls einiger handwerklicher Aufmerksamkeit. Vielleicht werden sich in den nächsten Jahren ja auch einige Wwoofer darin austoben. Ich bin sehr gespannt, wie sich das Projekt „neuer Hof“ entwickeln wird. Aber bewohnbar muss der Hof bereits Ende dieses Jahres sein: Das Haus mit dem kleinen Anbau ist bereits an eine junge Familie verkauft.

Das Baby-Lämmchen
WWOOF Bauernhof Vogelsbergkreis Biohof Bioland Altdeutsche HütehundeWir machen einen kurzen Abstecher nach Hause und sammeln die Hunde ein. Dann fahren wir mit ihnen zu einer nahe gelegenen Weide. Dort steht gerade kein Vieh und sie können sich richtig austoben. Als wir die Wiese erreichen, kommt uns Jürgen auf dem Traktor entgegen. Er gibt uns ein Signal und wir halten am Straßenrand. Ein Walliser Schwarznasenschaf hat innerhalb der letzten Stunden ein Lamm zur Welt gebracht. Das war weder geplant, noch hat bisher jemand die Trächtigkeit der Schafdame bemerkt. Jürgen macht sich auf den Weg, um den Anhänger zu holen, während wir eine halbe Stunde lang mit den Hunden auf der Wiese herumtollen. Das Wetter ist wieder wunderbar klar, aber wie gestern wird es gegen Abend empfindlich kalt. Doch die Bewegung auf dem großen Gelände hilft ein wenig gegen die aufsteigende Kälte.

WWOOF neugeborenes Lamm Bauernhof Vogelsbergkreis Biohof Bioland Schwarznasen Schafe

Schließlich packen wir die drei Hunde wieder ins Auto, bringen sie schnell nach Hause und fahren zur anderen Weide. Dort steht Jürgen bereits mit dem Anhänger. Zart, zerbrechlich und etwas wackelig steht das blökende Lämmchen auf der Weide und pinkelt vor sich hin. Das ist schon mal ein gutes Zeichen. Die Mutter steht neben dem Kleinen und beäugt uns kritisch. Als ich näher komme, wird sie nervös. Also streichele ich dem niedlichen Lamm nur kurz übers das noch etwas von der Geburt blutverschmierte, krause Fell und ziehe mich wieder zurück. Barbara lässt es kurz an sich schnuppern, redet beruhigend auf es ein, nimmt es auf den Arm und geht mit ihm in den Hänger. Seine Mutter folgt ihr natürlich auf dem Fuß. Nach nicht einmal einer halben Minute sind die beiden Schwarznasen Schafe sicher im Hänger untergebracht.

Jürgen klappt die Rampe wieder hoch und los geht die Fahrt. Das Lämmchen hat fast die ganze Zeit auf der Weide erbärmlich geblökt. Als schafunerfahrene Städterin kommt mir das komisch vor – auch wenn ich ein störender Faktor sein mag. Obwohl es anscheinend durchaus „Schreilämmer“ gibt, ist auch Barbara etwas besorgt. Das ist einer der Gründe, warum das Schaf samt Nachwuchs in ein kleines Gehege gegenüber des Hauses verfrachtet wird.

Leckerer Tagesabschluss
WWOOF Bauernhof Vogelsbergkreis Biohof Bioland FlammkuchenInzwischen ist es dunkel und die kleine Wiese und die Hütte darauf sind nicht für die beiden neuen Bewohner vorbereitet. Meine Gastgeber haben also noch einiges zu tun. Aber ich würde dabei eher stören als helfen können. Also gehe ich ins Haus und bereite schon einmal den Flammkuchen vor. Arbeit macht schließlich hungrig. Und wir haben alle viel gearbeitet. Also gibt es auch viel zu essen. Ich schneide Zwiebeln, weine ein wenig, rolle den Fertigteig aus und belege ihn gemeinsam mit der Tochter der beiden. Während zwei Bleche mit verschiedenen Flammkuchensorten im Ofen vor sich hinbrutzeln, unterhalten wir uns, decken den Tisch und schenken Federweißer ein.

Kurz darauf kommen Barbara und Jürgen ins Haus. Der Flammkuchen braucht noch etwas, aber in der Zwischenzeit machen die beiden sich frisch und trinken dann schon einmal mit uns ein Gläschen Federweißer.
Wir futtern fast anderthalb Flammkuchen auf, essen leckere Zwetschgenknödel, die eine Nachbarin vorbeigebracht hat, trinken eine Flasche Federweißer und den Rest des leckeren Rotweins (Wassmann Kékfrankos 2011 Demeter) vom Vortag, lachen und quatschen bis nach halb zwei Uhr am Morgen.

Barbara schaut noch einmal nach dem Lamm und geht dann auch ins Bett. Ich bin wie gestern unglaublich müde und kaputt. Aber mein Körper schmerzt nicht mehr so wie am ersten Tag. Und ich bin glücklich. Ich mache Fortschritte. Oder so. Aber nun freue ich mich auf mein Bett und den knisternden Ofen, von dem ich jetzt schon weiß, dass ich ihn ebenfalls sehr vermissen werde.

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5 Gedanken zu “Urlaub für Arbeit: von Äpfeln, Lämmern und WWOOF – Tag 2

  1. Luisa schreibt:

    Schöner Bericht 🙂
    War sehr witzig aus den Augen eines Besuchers über Zuhause zu lesen — hab ihn sehr genossen 😉
    Liebe Grüße aus China

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    • Futterqueen schreibt:

      Dankeschön Luisa. Freut mich sehr, dass du die beiden Beiträge magst und sie dir ein wenig Heimat nach China bringen. Ich bin gespannt, wie dir Tag 3 gefällt.

      Und falls du einmal einen Beitrag über chinesisches Essen – gerne auch mit Rezepten – schreiben möchtest, bist du herzlich eingeladen, ihn hier zu veröffentlichen. Ich würde mich freuen (und bin scharf auf tolle Rezepte 😉

      Liebe Grüße aus Düsseldorf

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      • Luisa schreibt:

        Tag 3 hat mir genauso gut gefallen wie die ersten zwei 🙂 Ich freu mich schon auf jeden weiteren Artikel, den ich hier über zu Hause lesen kann, falls du wirklich nochmal ins Schwalmtal kommen solltest 🙂

        Puh, noch kann ich leider nicht kochen, aber falls ich doch nochmal an einen Kochlehrer kommen sollte melde ich mich auf jeden Fall mal!

        Viele liebe Grüße

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    • Futterqueen schreibt:

      Ganz lieben Dank, Benjamin! Ich freue mich sehr, dass euch der Artikel gefallen hat – vor allem, da ihr ja auch darin vorkommt 😉
      Noch viel Spaß mit dem wirklich tollen Hof und vielleicht ja bis irgendwann einmal.

      Viele Grüße aus Düsseldorf
      Britta

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