Havanna – Bei Ankunft Kulturschock

Kuba Havanna PanoramaEin dunkler, kalter Samstagmorgen Ende Oktober. Und eine Uhrzeit, zu der niemand gezwungen sein sollte, aufzustehen. Ich quäle mich trotzdem aus dem Bett. Aber ich habe einen guten Grund: Ich fliege nach Kuba. Sonne, Salsa, Meer, Rum, Lebenslust, Karibik. Das ist die Qual wert. Hoffe ich. Drömmelig sitze ich im Taxi zum Düsseldorfer Hauptbahnhof. Als mir der Taxifahrer hilft, meinen Rucksack anzuschnallen, schwanke ich kurz. Vielleicht habe ich doch zu viel eingepackt. Aber als ich zu meiner S-Bahn gehe, wirkt das Gepäck schon wieder leichter. Nach wenigen Minuten Fahrt erreiche ich den Düsseldorfer Flughafen. Jetzt geht es endlich richtig los.

Ich checke noch einmal alle Unterlagen: Reisepass, ausgedrucktes Flugticket für Hin- und Rückflug, die Bordkarte für den Hinflug in der Passbook-App, ausgedrucktes Flugticket für den innerkubanischen Flug, den Nachweis der Reisekrankenversicherung, einige hundert Dollar und die Touristenkarte für Kuba, eine besondere Form des Visums. Die habe ich direkt für 25 € und 5 € Bearbeitungsgebühr über Travelchannel, wo ich auch mein Flugticket gebucht habe, mitbestellt. Dagegen bin ich mit der ersten Firma, über die ich ein Ticket kaufen wollte, richtig reingefallen. Eigentlich wollte ich einem kleinen Unternehmen auch einmal eine Chance geben.

Ich hätte besser vorher im Internet recherchiert: eDreams hat dort durchgängig negative Bewertungen. Keiner der Kunden, die dort etwas geschrieben haben, scheint jemals ein Ticket erhalten zu haben. Nach zwei, drei Wochen Hin und Her habe ich meine Bestellung storniert und das Geld zurückverlangt. Das dauerte zwar einige Tage, traf dann aber glücklicherweise trotzdem ein. Man lernt ja immer wieder etwas Neues. Deshalb meine Empfehlung zu eDreams: Finger weg! Mit Travelchannel war ich dagegen auch bezüglich der Kommunikation wegen der Touristenkarte sehr zufrieden. Aber nun habe ich alle Unterlagen beisammen und auch an alles gedacht. Meinem Urlaub steht nichts im Wege.

Um 8.20 Uhr hebt das Flugzeug ab, aber bereits in Amsterdam habe ich eine Zwischenlandung. Schnell lade ich mein Smartphone noch einmal auf und genieße für eine Stunde das kostenlose WiFi des Flughafens – das letzte Mal für drei Wochen. Nach knapp anderthalb Stunden geht es mit einem anderen KLM-Flieger weiter Richtung Havanna. Neben mir sitzen zwei junge Niederländerinnen. Na, das könnte doch eine Chance sein, potenzielle Mitreisende kennen zu lernen, denke ich. Wir unterhalten uns kurz. Schnell wird klar: Die beiden haben eigentlich keine Ahnung, wo sie hinfliegen.

Zwei Wochen Strandurlaub in einem Hotel in Varadero liegen vor ihnen. Schlimmeres könnte ich persönlich mir nicht vorstellen. Als ich sage, ihr Ferienort sei ja nur knapp zwei Stunden von Havanna entfernt und sie könnten ja auch mal einen Tagesausflug in die Hauptstadt machen, schauen sie mich erstaunt an. Sie wüssten gar nicht, wo Varadero genau liege und hätten nur ein Ziel gesucht, bei dem das Wetter um diese Jahreszeit schön warm ist. Vermutlich fliegen sie sonst nach Mallorca zum Ballermann, denke ich innerlich seufzend und hake die beiden als Reisegesellschaft ab.

Um mein Entsetzen zu verstehen, hier ein kleiner Exkurs zu Varadero: Der Ort liegt auf einer Landzunge, auf der der Tourismus auf Kuba vor über 120 Jahren begonnen hat. Der feine Sandstrand ist vor allem bei ausländischen Touristen beliebt. Inzwischen sind dort etliche 4- und 5-Sterne-Hotels und -Ressorts entstanden. Die Kultur der Einheimischen wurde durch den boomenden Tourismus weitgehend verdrängt. Mittlerweile ist Varadero zur Sonderzone ernannt worden. Das Gebiet darf nur von Kubanern betreten werden, die dort auch arbeiten…

Kuba Havanna Club Oldtimer StraßenszeneNach insgesamt knapp zwölf Stunden Flug- und Wartezeit lande ich gegen 15 Uhr Ortszeit auf dem Aeropuerto Internacional José Martí in Havanna. Auf meinen Rucksack muss ich nicht lange warten und gehe in die Flughafenhalle. Dort stürzen sich etliche Fahrer und Jineteros – Schlepper, die Touristen zu Casas und Restaurants bringen und den Inhabern dafür eine recht hohe Provision abknüpfen – auf mich. Ich bin müde, hungrig, der Rucksack wiegt wieder schwer und möchte eigentlich nur schlafen. Außerdem trifft mich die schwüle Hitze wie ein Schlag. Innerlich beglückwünsche ich mich zu meiner Entscheidung, bereits von Deutschland aus online einen Abholservice (aktuell in Überarbeitung) gebucht zu haben. Für 25 CUC, angeblich der normale Preis für eine Fahrt vom Flughafen nach Havanna, soll mich ein Fahrer mit einem Oldtimer zu meinem etwa 22 Kilometer entfernten Casa bringen.

Und wirklich: In der Halle steht ein Mann mit einem Schild, auf dem mein Name steht. Er nimmt mir meinen Rucksack ab (juhu!) und wir gehen zusammen zu seinem Auto, einem wirklich schönen alten, amerikanischen Straßenkreuzer. Leider ist sein Englisch etwa auf dem Niveau meines Spanisch‘ und daher schläft unsere Konversation bereits nach wenigen Sätzen ein.

Auf dem Weg in die Innenstadt von Havanna fällt mir auf, dass viele Menschen mit Geldscheinen winkend an den breiten, relativ leeren Straßen stehen und in dort haltende Autos einsteigen. Mein Fahrer, Franqui, erklärt mir, dass aufgrund des rationierten Sprits die Kubaner dazu angehalten sind, ihre Landsleute mitzunehmen. Ich lese es später nach und finde heraus, dass das System „hacer botella“, eine Flasche haben, heißt. Angeblich wegen des an eine Flasche erinnernden hochgestreckten Daumens.

Seltsamerweise habe ich während meines Aufenthaltes in Kuba eigentlich nur wedelnde Hände mit Geldscheinen und nie dieses Zeichen machend gesehen. Je nach Entfernung kostet eine Fahrt zwischen fünf und 20 Pesos. Allerdings habe ich es nicht ausprobiert und würde es wohl auch nur tun, wenn ich mich absolut sicher fühle. Müsste ich extrem auf mein Budget achten, würde ich aus Gründen der Sicherheit vermutlich trotzdem einen unbequemeren Camione bevorzugen.

Kuba Havanna StraßenszeneNachdem wir an einem Samstagnachmittag auf die Suche nach einer geöffneten Bank, bei der ich Geld tauschen kann, gefühlte Ewigkeiten erfolglos durch die Straßen von Havanna gefahren sind, kann ich im Kellergeschoss des Hotel Nacional de Cuba doch noch wenige Dollar in CUC tauschen. Ich gehe zurück zum Auto und wir fahren endlich zu meinem Casa. Die Landschaft hat sich längst von Palmen gesäumten breiten Straßen hin zu eng bebauten Straßen verändert. Ich sehe mich um und zweifele erstmals an meiner Entscheidung. Verfallene, bestenfalls verwahrloste Häuser mit zerbröckelten Fassaden, kaputte Straßen, Dreck und Schutthaufen auf der Fahrbahn. Ich blicke angestrengt nach draußen und bete still vor mich hin: „Bitte lass mein Casa nicht hier sein. Auch nicht in dieser Gegend. Lass mein Casa bitte in einer schöneren Gegend sein.“

Kuba Havanna Casa Mary y MiguelWir halten wenige Meter hinter einem der zahlreichen Fahrbahnschutthaufen, gegenüber von einem etwa vier, fünf Stockwerke hohen Haus, dessen Balkone von Holzbalken gestützt werden, vor einem in bunten Pastelltönen bemalten Haus. Ich seufze mal wieder innerlich und obwohl die Fassade meines Casas schon mal ganz gut aussieht, mache mich vorsichtshalber doch auf das Schlimmste gefasst. Aber erst einmal will der Taxifahrer bezahlt werden. Ich gebe ihm 30 CUC in zwei Scheinen, aber natürlich kann er nicht wechseln. Es war eine für Kuba vergleichsweise teure Fahrt wie ich kurz darauf feststelle. Neben dem Auto stehen auf einmal mehrere Menschen. Einer stellt sich als Miguel vor. Er und seine Frau Mary sind meine Gastgeber. Mein Gepäck wird ins Haus gebracht, ich begrüße Mary, die wirklich total entzückend und genauso herzlich wie ihr Mann ist und bekomme erst einmal einen Tee. Das ganze Gewusel zieht wie im Nebel an mir vorüber. Ich fühle mich wie in Wattewölkchen gepackt. Hallo Jet Lag. Wie habe ich dich nicht vermisst.

Kuba Havanna Casa Mary y MiguelMiguel zeigt mir mein Zimmer, das durch das zweite Wohn- und Arbeitszimmer hindurch eine Treppe hoch im zweiten Stock liegt. Ein breites, weiß gestrichenes Messingbett steht in der Mitte des Raumes, daneben ein Sofa, dann ein Kühlschrank, ein Stück weiter ein Kleiderschrank, auf der anderen Seite ein Fernseher, ein Ventilator und – ganz wichtig – eine Klimaanlage. An der Seite führt eine schmale Tür ins Bad mit Badewanne. Alles sauber, freundlich und vor allem recht bunt. Eigentlich genauso, wie man es sich in der Karibik vorstellt. Wunderbar, das Bild, das mir die Straßen Havannas vermittelt haben, setzt sich hier glücklicherweise nicht fort. Wie ich später erfahre, liegt das auch daran, dass der Staat für die Erhaltung der Fassaden, die Mieter für die der Innenräume verantwortlich sind.

Kuba Havanna Paladar Essen RestaurantIch habe das Gefühl, wie ein Iltis zu stinken. Der Flug, die Hitze, kurz: bäh. Also hüpfe ich schnell unter die Dusche, packe aus und gehe wieder nach unten. Mein Hunger ist gewachsen, aber Miguel erklärt mir zu meiner Enttäuschung, dass ich heute nichts bei ihnen essen könne. Er könne mich aber zum Paladar eines Freundes bringen. Müde wie ich bin, stimme ich zu. Eigentlich wäre es mir lieber, ich müsste das Haus nicht mehr verlassen. Vor allem die Aussicht, nachher alleine durch die Straßen Havannas zum Casa laufen zu müssen, stimmt mich alles andere als froh.

Aber der Hunger lässt mir keine Wahl. Das innerliche Seufzen kennt Ihr ja bereits. Wattebevölkt stolpere ich also hinter Miguel durch die Straßen und nach wenigen Minuten erreichen wir unser Ziel. Miguel wechselt einige Worte mit dem Besitzer und ehe ich mich versehe, sitze ich alleine in dem kleinen Raum. Fast jedenfalls. Einige Heiligenbildchen, Madonnen und der wie ich noch lernen werde in Kuba unvermeidliche, viel zu laute Fernseher leisten mir Gesellschaft.

Kuba Havanna Paladar HühnchenDoch nach wenigen Sekunden taucht hinten aus der Küche eine Frau aus, überreicht mir einen Karte und verschwindet wieder. Schnell vertiefe ich mich in die Karte und – Ihr ahnt es – seufze innerlich. Die Preise sind viel höher, als ich es bei meinen Recherchen vor dem Urlaub gesehen habe. Ich überschlage kurz: Bei den Preisen könnte es problematisch werden, mit meinem Dollarvorrat über die Runden zu kommen. Aber vielleicht funktionieren kubanische Bankautomaten ja doch und sind vor allem irgendwo zu finden. Egal. Jetzt wird erst mal gegessen.

Ich bestelle ein Hähnchen mit Knoblauch und eine Cola. Dazu erhalte ich einen Salat, den ich natürlich nicht anrühre, schließlich möchte ich meine erste Nacht in Kuba nicht auf und über dem Klo verbringen, und Reis mit Bohnen. Das Essen schmeckt gut, aber ich esse eigentlich nur das Hühnchen und etwas Reis. Zur Feier des Tages gönne ich mir noch ein Bier, aber die Müdigkeit wird immer stärker. Und so zahle ich über 20 CUC, verabschiede mich und stolpere hinaus in die kubanische Nacht.

Kuba Havanna Floridita NachtInnerlich ein wenig angespannt mache ich mich auf den Weg zurück ins Casa. Schließlich kenne ich die Stadt noch nicht und habe keine Ahnung, wie gefährlich dieser abendliche orientierungslose Spaziergang ist. Aber Miguel hat mir für den Fall der Fälle eine Visitenkarte gegeben, sodass ich nach dem Casa fragen könnte, wenn ich mich wirklich verlaufen sollte. Außerdem hätte er mich ja nicht alleine zurück gelassen, wenn es gefährlich wäre. Hoffe ich jedenfalls. Tatsächlich liegt mein Casa direkt um die Ecke. Komisch, auf dem Hinweg kam mir die Strecke viel komplizierter und länger vor. Aber der Schutthaufen bietet eine gute Orientierung und stellt für mich quasi das kubanische Äquivalent zu Hänsels und Gretels Brotkrumen dar. Das hätte ich nachmittags noch nicht gedacht.

Kuba Havanna Casa ParticularAls ich mein hell erleuchtetes Casa sehe, entspanne ich mich. Mary sitzt noch im Wohnzimmer, checkt ihre Facebookseite und schreibt ihrem Sohn Joao in Argentinien. Der Balletttänzer unterrichtet dort Kinder. Er war bereits in mehreren Ländern, aber meist nur ein Jahr. Mary träumt davon, ihn eines Tages einmal dort zu besuchen. Ich bin ziemlich sicher, dass sie freiwillig wieder zurück käme. Sie gehört so offensichtlich nach Havanna wie sie zu Miguel gehört, der sie unschwer erkennbar unglaublich vergöttert.
Ich wünsche ihr eine gute Nacht, schleppe mich die Treppe in mein Zimmer hoch, mache mich fertig und falle wie tot in mein Bett. Mein Urlaub hat gerade erst begonnen.

Casa Mary y Miguel (Arcangel Hostel)
Concordia 57, e/ Aguila y Galiano
La Havana, Centro Havana 10400
Telefon +53 7 8626355 / +53 7 8677495 / +53 5 2954937 / +53 5 2685451
Übernachtung: 30 CUC
Frühstück: 5 CUC
 
Mindestens drei Zimmer, Klimaanlage, Ventilator, Fernseher, Kühlschrank, Badewanne oder Dusche, Internetzugang möglich, zentrale, aber recht ruhige Lage, Wäscheservice, Patio, Frühstück und Abendessen auf Anfrage möglich. Als ich dort, war gab es sowohl eine Katze als auch einen Hund im Haus, beide lieb, schmusig und gut erzogen. Vor der Buchung am besten noch einmal die aktuellen Preise und euch wichtigen Punkte abfragen.
 
Generelle Tipps zum Reisen in Kuba findet ihr im Artikel Salsa, Rum und Sozialismus – als Frau alleine unterwegs in Kuba
Havanna: Morbider Charme und Disneyland
Matanzas: Ein kurzer Ausflug: von Havanna nach Matanzas
Trinidad: Ein paradiesisches Weltkulturerbe
 
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