Die Hölle auf Erden – willkommen im Vatikan

Vatikanstadt Vatikan Petersplatz PetersdomEines der Highlights meiner Rom-Reise sollte der Besuch des Vatikans, vor allem der Vatikanischen Museen, sein. Ohne Übertreibung kann ich sagen, dass ich mich sehr darauf gefreut habe, einmal den Vatikan zu besuchen. Sogar die Möglichkeit, die wöchentlich mittwochs stattfindende Generalaudienz von Papst Franziskus zu besuchen, hatte SKR, der Reiseveranstalter, mit dem ich unterwegs war, in seinem Programm vermerkt. Unabhängig davon, ob man religiös ist oder nicht: Interessant und „mal was anderes“ würde dieser fakultative Programmpunkt bestimmt sein. Und so mache ich mich entsprechend erwartungsvoll an einem Dienstag auf den Weg zum ersten Teil des Vatikan-Programms.

Nach einer guten halben Stunde Busfahrt mit der Linie 40 kommt unsere Gruppe endlich an der Haltestelle Piazza Pia kurz vor Vatikanstadt an. Da es gerade etwa 9 Uhr ist, ist es noch relativ leer und wir können recht zügig bis zu den Vatikanischen Museen gehen. Auf dem Weg dorthin sprechen uns immer wieder Schlepper an, die uns eine Führung andrehen wollen.

Unsere Reiseleiterin Edith erzählt mir auf Nachfrage, dass diese Touren in den meisten Fällen absolut minderwertig seien und man teilweise so lange auf ihren Beginn warten müsse, bis eine bestimmte Teilnehmerzahl erreicht sei. Besser sei es, vorab in Rom bei einem seriösen Anbieter eine Führung zu buchen, die vielleicht etwas teurer, dafür aber wesentlich besser und angenehmer sei. Diesen Rat gebe ich an dieser Stelle gerne weiter. Übrigens kann man Edith ebenfalls für Touren buchen und ich kann sie nur empfehlen, schließlich hat sie uns acht Tage lang großartig durch Rom geführt.

Vatikanische Museen EingangsbereichEtliche hundert Meter vor dem Eingang der Vatikanischen Museen beginnt die befürchtete Schlange. In bereits am Morgen extremer Hitze stehen die Touristen dichtgedrängt in einer sich nur langsam bewegenden Reihe. Wir haben als gebuchte kleine Gruppe das Glück, an allen vorbeigehen zu können und nur kurz warten zu müssen. Dafür geht das Geknubbel innen weiter. Wer mich kennt, weiß, dass große Menschenansammlungen für mich nicht gerade angenehm sind. Sobald es eng wird und ich keine offensichtlichen Fluchtmöglichkeiten sehe, steigt mit der Zeit durchaus Panik in mir auf. Deshalb bin ich zum Beispiel auch beim Still-Leben Ruhrschnellweg auf dem eher weitläufigen Gebiet in Bochum geblieben und nicht nach Essen gefahren, wo viele meiner Freunde und Bekannten waren, da die A40 dort meist durch Betonwände begrenzt ist. Doch in Rom spüre ich vorerst nur ein leichtes Unbehagen.

Vatikanische Museen Terrasse Blick PetersomIrgendwann haben wir uns endlich durch sämtliche Kontrollen und Schalter bis hin zur Radiosystem-Ausgabe für Gruppen – unerlässlich auch bei kleinen Gruppen, da es nahezu unmöglich ist, in dem Gewühl nah genug beisammen zu bleiben, um alles zu verstehen – gekämpft. Von dort gehen wir nach einem kurzen Abstecher auf die Terrasse mit Blick auf den Petersdom direkt zur Replik von Michelangelos Pietà. Wenige Sekunden können wir mit unserer Minigruppe alleine vor der Skulptur stehen, bis sich auch schon eine riesige Gruppe Koreaner hinzudrängelt und sich von ihrem Führer lautstark etwas zu dem Kunstwerk erzählen lässt.

Vatikanische Museen Melozzo da Forlì musizierende EngelAlso gehen wir mit unserer Gruppe weiter, bestaunen Gemälde, Wandteppiche, Skulpturen und quälen uns immer wieder durch Menschenmassen. Einige Kunstwerke sind kaum oder nicht richtig zu sehen, da ständig andere Besucher davor laufen und nur wenige Sekunden lang einen Blick auf die Ausstellungsstücke freigeben. Diese Tatsache schmälert zum einen den Kunstgenuss, zum anderen macht sie mich zunehmend nervös, denn an immer mehr Stellen muss ich mich mühsam durch größere Menschenansammlungen hindurchdrängeln.

Als wir mittags eine Pause in den Vatikanischen Gärten machen, bin ich deshalb mehr als erleichtert, dem ganz großen Gedränge eine Weile entfliehen zu können. Dieses gute Gefühl kann auch die scheußliche Pizza Bianco, die ich für wenige Euro im Café kaufe, nicht schmälern. Außer dem Café gibt es noch eine Art Mensa und eine Pizzeria. Vermutlich wird auch hier die Qualität der Speisen nicht besonders überragend sein.

Normalerweise bekomme ich von schlechtem Essen nicht nur Magengrimmen, sondern auch schlechte Laune. Aber ich bin so froh, etwas zu Essen zu bekommen und mit meiner sich anschleichenden Klaustrophobie beschäftigt, dass mich das nicht weiter tangiert. Zudem erzählt Edith uns vorab etwas zur Sixtinischen Kapelle, da dort keine Erklärungen möglich und erlaubt sind.

Vatikanische Museen Chiaramonti Museum LoggiengangAls wir das Museum Chiaramonti betreten, ahne ich bereits, dass mir der richtige Spaß erst noch bevorsteht. An einigen Stellen des Loggienganges wird es unangenehm eng. Ich nutze freie Stellen, um mir die ausgestellten Büsten genauer anzuschauen. Den eigentlich interessanten Erläuterungen von Edith kann ich immer weniger folgen, so sehr bin ich damit beschäftigt, Menschen auszuweichen, beruhigend durchzuatmen und mir Freiräume zu suchen. Die zunehmend schrecklich drückende Luft tut ihr Übriges. Spaß sieht anders aus. Eigentlich schade, denn die Sammlungen an sich sind schon interessant – dummerweise sehen aber auch nicht-klaustrophobische Menschen recht wenig davon.

Vatikanische Museen Statuenhof Skulptur des LaookonWunderbar ist auch die außergewöhnliche Sammlung antiken Skulpturen im Statuenhof. Darunter finden sich etwa die Statuen des Laokoon und des Apollon vom Belvedere. So bekannt wie diese Skulpturen sind, so entsprechend groß ist dann auch das Gedrängel vor den Kunstwerken: anstehen, abwarten, bis man endlich vorne in der Mitte steht, schnell einige Bilder gemacht und weiter geht’s, der nächste Tourist bitte. Aber wir sind wenigstens wieder kurz unter freiem Himmel, ich kann etwas durchatmen. Das ungute Gefühl in der Magengrube, die zunehmende Übelkeit, das stärker werdende Herzrasen lassen sich aber nicht mehr vollkommen vertreiben. Das Schlimmste: Klar ausgeschilderte und sicher wirkende Fluchtwege sind für mich nicht erkennbar. Nicht auszudenken, wenn aus irgendeinem Grund einmal eine Panik bei den Besuchern ausbricht. An etwas anderes denken. Durchatmen.

Vatikanische Museen Aber das Touristenprogramm  kennt kein Erbarmen und so kämpfen wir uns weiter vor: prächtig bemalte Wände und Decken, Wandteppiche und natürlich immer wieder Skulpturen und Wandgemälde, ein Kunstwerk prachtvoller als das andere. Man kann von der Kirche als Institution halten, was man will, aber ohne sie könnten wir heute wohl kaum diese Fülle an wundervollen, einmaligen architektonischen und sonstigen Kunstwerken bewundern und genießen – geschweige denn, dass sie in diesem Umfang erhalten worden wären.

Vatikanische Museen moderne religiöse KunstEine weitere Herausforderung für meine Nerven ist die Galerie mit auf die Wände gemalten Landkarten. Inzwischen versuche ich nur noch, gleichmäßig zu atmen und nicht zu hyperventilieren. Die prunkvoll ausgestatteten und bemalten Gemächer des ehemaligen Borgia-Papstes Alexander durchquerend, nähern wir uns zum ersten Mal der Kunst, die meinem Geschmack am nächsten kommt: moderne religiöse Kunst. Für einige Minuten tauche ich in die fast menschenleeren Gänge ab und bewundere die wirklich großartigen Kunstwerke. Dem Großteil der anderen Besucher scheinen sie entweder kaum aufzufallen oder sie sind ihm egal – schließlich nähert sich das Menschenknäuel immer langsamer dem für viele eigentlichen Ziel dieses Weges: der Sixtinischen Kapelle.

Vatikanische Museen moderne religiöse Kunst

Dabei verpassen die Besucher außergewöhnliche Kunstwerke von Auguste Rodin, Vincent van Gogh, Paul Gauguin, Wassily Kandinsky, Marc Chagall, Paul Klee, Max Beckmann, Otto Dix oder Oskar Kokoschka. Es ist ein Jammer. Und es ist auch ein Jammer, dass ich weder die innere Ruhe, noch die Zeit habe, um die ausgestellten Stücke entsprechend zu würdigen, denn meine Gruppe drängt weiter. Meine Panik wächst dafür unglaublicherweise immer weiter. Ich stelle mir vor, dass meine Augen vor Angst weit aufgerissen sind und ich wie ein Tier auf der Flucht wirke. Doch wenigstens ist die Kolonne nun fast an der Sixtinschen Kapelle angekommen. An der Treppen trennt sich unsere Gruppe in Kaffeetrinker, Klogänger und „Vorgeher“. Der Plan sieht vor, dass wir uns etwa zwanzig Minuten später in der Kapelle treffen und Edith kurz ihre mittäglichen Ausführungen noch einmal bündelt, wenn wir dann die entsprechenden Bilder sehen.

Vatikanische Museen Zugang zur Sixtinischen KapelleIch finde, ich bin genug gequält worden, länger halte ich das alles nicht mehr aus. Und so stelle ich mich in die Schlange vor der Treppe. Auch wenn ich mich in großen Menschenmengen immer sehr unwohl fühle: Eine derartige Panik habe ich bisher noch nie verspürt, was vermutlich daran liegt, dass ich mich bereits mehrere Stunden durch die Massen schiebe.
In der Sixtinischen Kapelle angekommen bleiben mir nur wenige Sekunden, um zu registrieren, dass ich auf einem Absatz stehe, der Raum brechend voll ist und ich nun zu der wispernden, sich ständig behäbig durch den Raum bewegenden Menschenmasse die Treppenstufen hinuntersteigen muss. Falls jemand die Kerkerszene aus dem Film „Die vier Federn“ kennt, in der sich die murmelnden Gefangenenmasse in einem riesigen Raum unaufhörlich langsam im Kreis bewegt und jeder, der fällt, unweigerlich von den Pulk zertrampelt werden würden: genauso fühle ich mich in diesem Moment.

Die beeindruckende, farbenfrohe Bemalung der Decke ist im Dämmerlicht nicht besonders gut, aber ausreichend zu erkennen. Fotos und Lärm sind verboten, schließlich befinden wir uns in einer Kirche. Daran erinnert uns das Wachpersonal auch immer wieder durch lautstarke Ansagen mit dem Megafon. Wie lange ich es dort genau aushalte, kann ich nicht sagen, aber mehr als fünf Minuten sind es sicher nicht. Im Grunde bewege ich mich nur langsam zwischen der Menge hindurch, bleibe kurz in der Mitte stehen, werfe einen Blick zur Decke und durchquere immer stärker atmend den restlichen Raum bis zum rettenden Ausgang.

Vatikan PetersdomAuf dem Hof angekommen, atme ich erst einmal tief durch und warte auf einem Mauervorsprung sitzend auf meine Gruppe. Ich habe die Sixtinische Kapelle gesehen, weitere, minutenlange Ausführungen in diesem Raum hätte ich wohl nicht ohne einen klaustrophobischen Anfall überlebt. Nur etwa zehn bis fünfzehn Minuten später trifft auch meine Gruppe auf dem Hof ein und wir gehen zusammen um die Ecke in den Petersdom. Der ist ebenfalls gut besucht, aber lange nicht so überfüllt wie die Vatikanischen Museen und die Sixtinische Kapelle.

Vatikanische Museen Replik Pietà MichelangeloDer Petersdom ist beeindruckend groß und prächtig. Langsam bekomme ich wieder Luft, aber die Grundübelkeit bleibt und nun gesellt sich nach der „überstandenen Gefahr“ auch eine unglaubliche Erschöpfung hinzu. Erst jetzt merke ich, dass mich dieser stundenlange Stress fix und fertig gemacht hat. So sehr, dass ich tatsächlich vergesse, mir das Original von Michelangelos Pietà anzuschauen. Mir bleibt nur die Erinnerung an die Replik in den Vatikanischen Museen. Gemeinsam mit einer Mitreisenden mache ich mich auf den Weg ins jüdische Viertel, zwischendurch gönnen wir uns ein Eis und beschließen, am nächsten Tag nicht an der Generalaudienz des Papstes teilzunehmen.
Edith hat für die Gruppe Karten besorgt, damit wir, falls wir es möchten, auf eigene Faust daran teilnehmen können. Zu der Audienz werden nicht wie früher bei Papst Benedikt etwa 20.000 – wenn ich das richtig behalten habe – sondern aufgrund der Beliebtheit von Papst Franziskus weitaus mehr Gläubige und Touristen erwartet.
Noch einmal möchte ich mich einem solchen Stress aber nicht aussetzen. Auch die Vatikanischen Museen muss ich nicht noch einmal besuchen. Ein Besuch ist definitiv okay, aber so toll, dass ich mich noch ein zweites Mal ins Getümmel stürzen muss, finde ich sie auch wieder nicht, und das nicht nur wegen meiner kleinen (Fast-)Panikattacke. Aber – hey! – ich habe den Vatikan überlebt. Die Hölle auf Erden.

Zu diesem Rombesuch habe ich bisher folgende Artikel veröffentlicht:
– In cerveza veritas – Bier in Rom
– Viele Wege führen nach Rom
– Meine schönste Urlaubserinnerung
– Genusstipp Gelato: Die süßen Seiten Roms
 
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