Yippie yippie yeah yippie yeah, Konzert und remmidemmi

Bochum Zeltfestival Ruhr AußenbereichIch bin kein Deichkind-Fan. Jedenfalls keiner von denen, die alles rund um die Band kaufen und zu sämtlichen Konzerten in der näheren und manchmal auch weiteren Umgebung pilgern. Einige Stücke gefallen mir ganz gut, einige finde ich okay, andere mag ich gar nicht. Aber eines war mir immer klar: Irgendwann MUSS ich ein Deichkind-Konzert besuchen. Nicht umsonst gelten die Hamburger, deren Musikstil gerne als eine Mischung aus Hip-Hop und Elektropunk bezeichnet wird, als eine der besten Livebands Deutschlands. Und deshalb hielt ich kurz nachdem die Veranstalter des Zeltfestival Ruhr den Termin von Deichkind am Kemnader See bekannt gaben, mein Deichkind-Ticket in der Hand.

Besonders schön ist es nicht, als ich mich an einem Sonntag in Richtung Witten zum Kemnader See aufmache: ein bisschen diesig, nicht richtig warm, nicht richtig kalt und der graue Himmel wird immer wieder von bedrohlichen dunklen Wolken überlagert. Es gibt definitiv perfektere Tage für den Besuch des wunderbaren Zeltfestival Ruhr-Geländes. Zu allem Überfluss habe ich gerade einen extrem nervigen grippalen Infekt überstanden, bin gar nicht so richtig in Konzertlaune und vergesse natürlich meine Kamera.

Trotzdem parke ich knapp eine halbe Stunde nach Abfahrt aus Düsseldorf auf einem vollkommen holprigen Feld, das für die knapp zweieinhalb Wochen Festival zu einem Parkplatz umfunktioniert wurde und für dessen Nutzung als selbigem ich zwei Euro Gebühr zahle. Eins ist klar: Wenn es dunkel ist, kann man hier nicht mehr die Hand vor Augen sehen. Aber da ich einige Jahre beruflich mit den Veranstaltern des Festivals zusammengearbeitet habe, weiß ich, dass ich mir wegen der Beleuchtung keine Sorgen machen muss, auch wenn ich sie nicht sofort sehe. Schließlich habe ich sie nicht nur  wegen ihrer Freundlichkeit und dem entspannten Umgang, sondern auch wegen ihrer Professionalität sehr geschätzt.

Bochum Zeltfestival Ruhr DeichkindUnd diese Eigenschaften spiegeln sich auch auf dem schön gestalteten, gemütlichen und gleichzeitig irgendwie fast schon eleganten Festivalgelände wider. Ich sehe mich erst einmal bei den Essenszelten um und entscheide mich für einen vegetarischen gemischten Teller, der mich aber leider nicht vollkommen überzeugt – das gastronomische Angebot ist dennoch wie jedes Jahr sehr vielfältig und sorgfältig ausgewählt. Anschließend schlendere ich ein wenig über den Markt der Möglichkeiten, bis meine Begleiter eintreffen.

Gemeinsam essen wir noch eine Kleinigkeit, denn zu unser aller Freude hat auch Dönnighaus einen Stand auf dem Gelände, und gehen dann ins ausverkaufte Sparkassenzelt, das größte der drei Veranstaltungszelte, in dem die 5.000 Zuschauer bequem Platz finden. Da auch die anderen nicht besonders wild darauf sind, sich in die Menge zu stürzen, setzen wir uns in den hinteren Teil des Zeltes auf die Tribüne. Wie so Rentner. Aber selbstverständlich sitzen wir so, dass wir einen guten Blick auf Bühne und Publikum haben, schließlich macht die Stimmung des Publikums einen großen Teil der besonderen Atmosphäre auf Deichkind-Konzerten aus.

Bochum Zeltfestival Ruhr Guaia GuaiaAber zuerst müssen wir alle zusammen noch etwas überstehen: die Vorband. Eigentlich sind Guaia Guaia ziemlich gut, passen aber nicht recht zum Deichkind-Publikum und können darüber hinaus stimmungsmäßig nicht vollkommen überzeugen. Gerade als es so aussieht, als könnten sie doch für Stimmung sorgen, erklären sie den Zuschauern, dass man nun zusammen „beten“ werde. „Ich bete vor und Ihr betet mit mit Elias nach, okay?“ Nö, ist nicht okay. Das macht das Publikum auch lautstark klar. Wie so richtige Ruhrpottler.

Und als die beiden ihr Programm doch wie angekündigt fortsetzen, „betet“ nicht nur Carl Luis, sondern auch Elias alleine. Allerdings untermalt ein lautes Pfeifkonzert ihr „Revoluzzer-Gebet“. Irgendwann ist es vorbei und in wesentlich kühlerer Atmosphäre geht es wieder um Musik, die wie gesagt, gar nicht mal so schlecht ist. Ich habe Mitleid. So ein Künstlerleben kann doch ziemlich hart sein. Langsam kommt wieder Stimmung auf, aber dann ist der Auftritt der beiden schon vorbei. Dieses Mal wirklich. Und dann stehen die Jungs, äh Männer, oder doch Jungs? egal, dann steht Deichkind auf der Bühne.

Also fast. Zuerst spielt Dieter Thomas Kuhn in einem der beiden Nachbarzelte. Sein Konzert beginnt pünktlich um 20 Uhr, unseres hat bereits um 19 Uhr begonnen. Seit über zwanzig Minuten warten wir nun auf die Fortsetzung der Show. Daran erkennt mal wohl die wahren Stars. Glaube ich. Aber ich habe ja schon mal eine Stunde mit Grippe auf einen Auftritt der Fantastischen Vier beim Zeltfestival gewartet, als der Strom ausgefallen war. Wie so ein richtiger Fan. Da kann mich so eine kleine Verspätung nicht mehr schocken, vor allem wenn ich sitze. Und wenige Minuten nach 20 Uhr ist es auch endlich soweit: Das Licht geht aus, die Scheinwerfer an und hinter einer Leinwand erscheinen die Schatten der Bandmitglieder, um kurz darauf wieder zu verschwinden. Es geht los!

Bochum Zeltfestival Ruhr Guaia GuaiaDie Stimmung ist sofort großartig. Das Publikum johlt, feiert, singt, jubelt, gröhlt und springt. Und ich bin unendlich froh, nicht zwischen schwitzenden, springenden Körpern eingequetscht im Publikum stehen zu müssen – sehen würde ich bei meiner Größe sowieso nichts, aber dafür andauernd Ellbogen ausweichen müssen, die ihren Weg in mein Gesicht suchten. Ich lehne mich also entspannt zurück und genieße das Schauspiel. Gleich das zweite Stück ist Hovercraft, das ich sehr gerne mag und bei dem ein Bandmitglied auf einem Schlauchboot durch das Publikum „rudert“. Die Stimmung steigt weiter. Ich wusste ja ungefähr, worauf ich mich einlasse, bin also eher fasziniert und amüsiert als erstaunt. Das sieht bei meinen Begleitern etwas anders aus, die ungläubig lachend das Spektakel auf der Bühne verfolgen.

Die üblichen Stücke treiben die Stimmung im Publikum weiter hoch: „Arbeit nervt“, „Leider geil“, „Remmidemmi“ und „Hört ihr die Signale“. Bei „Roll das Fass rein“ rollt die Band das Fass ins respektive aufs Publikum – natürlich stehen und  sitzen die Bandmitglieder drin und drauf. Die Party ist im vollen Gange. Auf der Bühne wuseln und wimmeln die Deichkinder durcheinander, ständig in neuen wilden Kostümen: Mülltüten, Lendenschurz, eckige Hüte und was man noch so von ihnen kennt.

„So würden also 16-Jährige feiern, wenn sie es denn könnten und dürften“, zuckt ein Gedanke durch mein Gehirn. Viele erwachsene Männer aber wohl auch, wie ich ja gerade anschaulich vorgeführt bekomme. Trotzdem bleibt das Gefühl vorherrschend, einem Kindergeburtstag beizuwohnen. Sehr amüsant, lustig und bunt – und anders als auf Kindergeburtstagen auch immer etwas prollig mit einem Schuss Ironie.

Bochum Zeltfestival Ruhr DeichkindZum Schluss eines meiner Lieblingsstücke – „Limit“. Der größte Teil des Publikums dürfte inzwischen genau dort sein: am Limit. Schließlich hat es rund anderthalb Stunden getanzt, geschrieen, gejubelt und gymnastische Verrenkungen gemacht. Wir nicht, aber das war auch gut so. Trotzdem gönnen wir uns auf der Piazza noch ein kühles Moritz Fiege (Frei), um dann ganz entspannt zu unseren Autos auf den beleuchteten Feldern – auf die Veranstalter ist eben immer noch Verlass – zu laufen und nach Hause zu fahren. Wie so Erwachsene. Erwachsene, die von einem Kindergeburtstag kommen und dort richtig viel Spaß hatten.


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