Vom Abgesang auf Utopien: Massive Attack V Adam Curtis

Ruhrtriennale Duisburg Landsschaftspark Massive Attack V Adam Curtis Gestern Abend konnte ich bei der Ruhrtriennale-Premiere von „Massive Attack V Adam Curtis“ in der Kraftzentrale des Duisburger Landschaftsparks dabei sein. Zuerst kündigte die Ruhrtriennale es als einziges Konzert von Massive Attack in Deutschland an (so steht es jetzt übrigens immer noch auf der Website). Aber dann hatten Künstler und Ruhrtriennale-Leitung wohl Mitleid mit den verzweifelt nach Karten lechzenden Fans und stellten peu à peu drei(!) weitere Termine ein; für heute und Sonntag gibt es auch noch Karten. 

Nicht ganz zwei Stunden lang stehen rund 2.000 Besucher mehr oder minder verloren wirkend eingerahmt von riesigen Leinwänden an einem Ende der beeindruckend großen Kraftzentrale. Die Luft drückend schwül, die Stimmung gespannt und erwartungsvoll. Vom Hipster bis zum Rentner ist alles vertreten.

Die Ruhrtriennale-Leitung empfiehlt diese Veranstaltung ab einem Alter von 16 Jahren, was ich durchaus unterschreibe – es sei denn, man ist in diesem eher zarten Alter bereits ein großer Freund und Kenner moderner Kunst, vor allem der Videokunst. Außerdem empfehle ich, sich bei kalten Wetter nicht zu kühl und bei warmen Wetter nicht zu warm anzuziehen, da die Halle verständlicherweise nicht isoliert und damit klimatisch herausfordernd ist.

Ruhrtriennale Duisburg Landsschaftspark Massive Attack V Adam CurtisMit fast einer Viertelstunde Verspätung – die Angabe „Nach 20 Uhr kein Einlass“ auf den Karten kann man also getrost ignorieren – beginnt die Veranstaltung. Wer ein „richtiges“ Massive Attack-Konzert erwartet, wird schnell enttäuscht: Die Gruppe untermalt eigentlich „nur“ mit zum Teil recht großen Pausen dazwischen die Videos des britischen Dokumentarfilmers Adam Curtis. Dafür ist die Inszenierung der Band auf, respektive hinter den drei vorderen Leinwänden einige Male wirklich sehr spannend.

Adam Curtis‘ Videos sind nicht für schwache Nerven: Zwar schockiert er selten mit so direkten Bildern wie der Erschießung des rumänischen Diktatorenpaares Ceauşescu, dennoch sind Krieg, Tod und Hoffnungslosigkeit allgegenwärtig. Mithilfe der Londoner Kunst- und Design-Agentur United Visual Artists entstanden bedrückende Collagen aus den letzten 50 Jahren, unter anderem aus Russland, England und Amerika.

Indem er die Lebenswege von Persönlichkeiten dieser Länder wie der Künstlerin Pauline Boty und des Punks Jegor Letow verfolgt und zum Teil miteinander verknüpft, führt Adam Curtis den Zuschauern das katastrophale Scheitern der Weltpolitik und der verschiedenen Ideologien vor Augen. Rückzug statt Gestaltung, managen und verwalten statt ausprobieren und entwickeln. Die zweite Hälfte trifft die Besucher auch in den Magen: Die Töne der Videos werden unangenehmer und durchfahren den ganzen Körper. Globaler Ausnahmezustand als unmittelbare Erfahrung.

Massive Attack untermalen, immer hinter einer transparenten Leinwand, diesen deprimierenden Abgesang mit ihrem sphärischen, dunklen und melodiösen Trip-Hop, der sich wunderbar mit den teilweise stakkatoartig wechselnden Videos ergänzt. Eine Herausforderung für Augen und Hirn, aber trotzdem ein Genuss für die Ohren. Etliche Zuschauer scheinen aber entweder etwas anderes – vermutlich ein „richtiges“ Konzert – erwartet zu haben, sind einfach von Adam Curtis‘ Videos überfordert oder können damit nichts anfangen: Viele verlassen die Veranstaltung frühzeitig.

Dafür habe ich vollstes Verständnis, denn ich finde, dass Videokunst eine ganz besondere, teilweise recht eigenwillige Kunstform ist, die man mögen, auf die man in diesem speziellen Moment auch Lust haben und auf die man sich einlassen muss. Deshalb ist „Massive Attack V Adam Curtis“ eine Empfehlung für alle, die Videokunst mögen und sich fast zwei Stunden auf ein Bildgewitter einlassen können. Oder eben für Hardcore-Fans von Massive Attack. Alle anderen werden vermutlich für 45 € pro regulärer Karte nicht auf ihre Kosten kommen. Eine Zugabe gibt es übrigens nicht. So ist das mit der Videokunst.

Ruhrtriennale Duisburg Landsschaftspark Massive Attack V Adam CurtisNoch ein Tipp für die Zeit vor und nach der Veranstaltung: Direkt neben der Kraftzentrale befindet sich das Hauptschalthaus, in dem man bis 22 Uhr essen kann. Vor den Veranstaltungen ist es dort sehr voll, daher besser mindestens anderthalb bis zwei Stunden früher kommen oder woanders etwas essen. Der Burger ist im Gegensatz zu den Pommes Frites übrigens nicht zu empfehlen: Frikadelle im Brötchen.
Wenn ihr die Kraftzentrale verlasst, nehmt den Seitenausgang rechts: Draußen laufen „Wachleute“ mit Hunden, Scheinwerfern und künstlichem Nebel Streife. Staatliche Kontrolle bis zum Ausgang. Ein beeindruckender atmosphärischer Schlusspunkt einer verstörenden, bedrückenden und nachdenklich machenden Veranstaltung.

Update 2. September: Für einen Freund, der sehr gerne dabei sein wollte, aber nicht konnte, habe ich als kleinen Trost eine Youtube-Playlist zusammengestellt. Vielleicht gefällt sie ja auch dem einen oder anderen von euch.

 

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Ein Gedanke zu “Vom Abgesang auf Utopien: Massive Attack V Adam Curtis

  1. Der Flötenfrosch - Silke's Blog schreibt:

    Danke für den „Konzert“-Bericht. Es ist wahrscheinlich die logische Folge für Massive Attack, dass sie jetzt Videokunst begleiten. Ich habe sie 2003 (das ist Jahrhunderte her!!) auf ihrer 100th Window-Tour gesehen, die Show war damals sehr innovativ. Da haben sie auch sehr viel mit Projektionen gemacht auf riesigen LED-Leinwänden, super inszeniert mit Licht und Schatten, die Musiker nur als Silhouetten zu sehen. Sie spielten alles, was Spaß machte und hatten auch die Portishead-Sängerin Beth Gibbons dabei. Es war das beeindruckendste Konzert das ich jemals gesehen habe. Es war aber leider auch die letzte Platte, die ich von denen hören wollte. Ich habe die spätere Musik einfach nicht mehr verstanden. Insofern habe ich zwar schon gezuckt, als ich von dem Auftritt hörte, bin aber froh, dass ich das Geld nicht ausgegeben habe… Ja, schade für die Konzertbesucher, die sich sicherlich auch auf Klassiker von Mezzanine oder Blue Lines gefreut haben.

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