Heimat geht durch den Magen

Niederrheinische WinterlandschaftAls Katja zur Blogparade zum Thema „Heimat“ aufrief, dachte ich zuerst daran, dass ich eigentlich keine Heimat mehr habe. Früher war mein Zuhause meine Heimat, mein Elternhaus in einer kleinen niederrheinischen Stadt. Danach hatte ich keine richtige Heimat. Nachdem vor kurzem meine Großmutter starb, wurde mir klar, dass mein Elternhaus nur deshalb meine Heimat war, weil dort Menschen waren, die mir wichtig waren und sind.

Nachdem nun meine Großeltern, viele Nachbarn, leider bereits einige Freunde meiner Eltern und auch etliche Haustiere gestorben und fast alle Freunde von früher weggezogen sind, ist es das aber nicht mehr. Es beherbergt wunderbare und weniger wunderbare Erinnerungen an längst vergessene Zeiten, und manchmal fühlt sich ein Besuch bei meinen Eltern deshalb auch an wie die Rückkehr in die Heimat. Aber es ist keine richtige Heimat mehr. Ich gehöre nicht mehr dorthin.

Dabei habe ich in den vergangenen Jahren häufiger gedacht, ich hätte eine neue Heimat – oder auch eine „Zweitheimat“. Oberfranken, Pfalz, Thüringen, Ruhrgebiet und jetzt Düsseldorf, überall hatte ich nach relativ kurzer Zeit eine Art Heimatgefühl und bis heute habe ich eine starke emotionale Bindung an diese Orte. Und ich habe festgestellt, dass ich neben Menschen, der Natur, bestimmten Erlebnissen und Veranstaltungen vor allem eines mit meinen ehemaligen Wohnorten verbinde: Essen. Man kann wohl ohne Übertreibung sagen, dass Heimat bei mir durch den Magen geht. Also gibt mir Genuss letztendlich abgesehen den Menschen, die mir Heimat bedeuten, mein Heimatgefühl.

Quarkkeulchenrezept SütterlinIn meiner Kindheit sind wir Kinder nach der Schule bei unseren Großeltern gewesen. Freitags gab es Fisch. Fast immer mit Endiviensalat und Senfsoße, mit denen ich die Salzkartoffeln zermatscht habe, übrigens auch heute noch die einzige Art, wie ich Salzkartoffeln essen kann. Samstags standen „Ringelnudeln“ mit Gulasch aus der Dose auf dem Speiseplan. Und auch die anderen Tage waren mehr oder weniger nach Essen unterteilt: Reis und dazu mit Hack gefüllte Paprikaschoten, Quarkkeulchen und diverse andere Gerichte, an die ich mich gerade nicht erinnere, von denen aber einige zerkochtes Gemüse als Bestandteil hatten. Das klingt alles nicht besonders lecker, aber noch heute denke ich an meine Kindheit, wenn ich eines dieser Gerichte esse oder nur daran denke. Zerkochtes Gemüse ruft übrigens die gleichen Heimatgefühle bei mir hervor.

Meine Omma konnte aber wesentlich besser backen als kochen: Was würde ich dafür geben, noch einmal ihren Kirschstreusel oder den Rhabarberbaiser essen zu können. Trotz mehrfacher Versuche gelingt keiner dieser Kuchen meiner Mutter, meinem Vater oder mir auch nur ansatzweise so gut. Irgendwie ist damit für mich ein Stückchen Heimat unwiederbringlich verloren gegangen.

Aber auch meine Eltern haben Gerichte zu meinem Heimatgefühl hinzugefügt: Mamas Apfelkompott (allerdings ist das auch an Ommas angelehnt), ihre selbstgemachten Klöße, gebackenes Hähnchen, die wunderbare Mascarponecreme, Papas Kartoffelsalat mit selbstgemachter Mayonnaise, das sonntägliche Rumpsteak mit Pommes und vieles mehr. Davon abgesehen rufen auch Kuchen der lokalen Bäcker ein Heimatgefühl hervor. Ledderkestart von Otten (am liebsten mit Aprikose, aber Apfel oder Kirsch sind auch nicht verkehrt) und Grillagetorte von Brass. Leider gibt es die Bäckerei Schwarz nicht mehr, das Weißbrot war einfach göttlich und – ohne Übertreibung – ein wichtiger Teil meiner Kindheit. Ein Frühstück ohne das Schwarzsche Weißbrot war einfach kein Frühstück. Aber die zu Neujahr und Ostern von lokalen Bäckern angebotenen Hefezöpfe mit Zuckerguss und Mandeln sind ein adäquater Ersatz.

An Oberfranken habe ich keine besondere „Essenserinnerung“. Das wundert mich nicht allzu sehr, habe ich mich doch trotz zahlreicher Bekannter dort nie wirklich zu Hause gefühlt, dann kann ich natürlich erst recht kein Heimatgefühl entwickeln. Aber ich glaube, das Bier war ganz gut.

Obwohl auch mein Aufenthalt in der Pfalz nicht allzu lange gedauert hat und ich dort so gut wie keine sozialen Kontakte hatte, habe ich mich dort relativ wohl gefühlt und wunderbare kulinarische Erinnerungen an diese Zeit. Seitdem esse ich wahnsinnig gerne Saumagen, am liebsten im Brötchen mit angebratenen Zwiebeln. Und noch besser ist Saumagen mit Keschde (Esskastanien) – göttlich. Darüber hinaus vermisse ich die Weinfeste und Straußwirtschaften. Die Vermieter meiner Wohnung in Annweiler, wo ich leider nur wenige Wochen gewohnt habe, hatten eine Gastwirtschaft. Manchmal muss ich noch an den köstlichen Flammkuchen mit Schafskäse und Peperoni denken, den die supersympathische Sabine Böhly in ihrer Gaststätte Zur alten Gerberei angeboten hat und den ich mir ab und zu vorbestellt und mit in meine kleine Fachwerkwohnung unterm Dach mitgenommen habe. Mist, jetzt habe ich schon wieder Hunger. Aber weiter nach Silz. Als ich dort wohnte, habe ich sehnsüchtig auf den Wochentag gewartet, an dem die dort ansässige Bäckerei frisches Weißbrot anbot. Dann hieß es schnell sein, denn es war tatsächlich so beliebt, dass es nach kurzer Zeit ausverkauft war.

Jena Stilbruch BirnenpfanneGanz anders als mit Oberfranken verhält es sich auch mit Thüringen: die göttliche Pizza und die köstlichen Gnocci bei Rosario, das Frühstück und das wunderbare Bioessen im Seehotel, die tollen Roster beim Rostermann auf dem Kaufland-Parkplatz – mir läuft schon wieder das Wasser im Munde zusammen. Außerdem hatte ich im Stilbruch in Jena ein weiteres Lieblingsessen, Birnenpfanne, eine Fleischpfanne (ich habe statt Schweinefleisch immer Rindfleisch genommen) mit eingelegten Birnen, Kartoffeln, spanischem Pfeffer mit Käse und Sauce Hollandaise überbacken. Noch heute koche ich das Gericht manchmal nach, aber es gelingt mir nie so gut wie ich es im Stilbruch gegessen habe.

Als Nichtsalatesser ist es für das Gatto Bello ein großes Kompliment, wenn ich sage, dass ich den Sommersalat immer wirklich sehr gerne gegessen habe. Vermutlich ist das auch der Grund, warum ich mich immer daran erinnere, wenn ich an Jena denke. Der Salat besteht fast aus einem kompletten Obstteller mit Johannes- und Erdbeeren, Kiwi etc., außerdem Nüssen, grünem Salat und Putenfleisch mit Honig-Curry-Dressing.

Ansonsten sind vor allem Roster, Soljanka, Bortschsch und Ragout Fin für mich ganz eng mit meiner Zeit in Thüringen verbunden. Letzteres kannte ich bis dato nur im Blätterteigform serviert, ohne dass es überbacken oder weiter gewürzt wurde. Im Osten isst man es mit Käse überbacken aus einem Schälchen, dazu gibt es Zitrone und Worcestershiresauce. Eine unschlagbar gute Mischung, mjam. Und als Nachtisch: Schwedenbecher. Diesen Eisbecher mit Vanilleeis, Apfelmus, Eierlikör und Schlagsahne gibt es leider ebenfalls nur im Osten. Vollkommen unverständlich, schließlich gibt es kaum etwas besseres.

In Bochum wurde ich schließlich zum Currywurst-Fan, fast jedenfalls. Denn eigentlich bin ich ein Dönninghaus-Currywurstsaucen-Fan, aber die Wurst ist auch gut. Noch heute habe ich immer ein Glas der Currywurstsauce im Schrank – schließlich kann einen jederzeit der Currywurst-Jeeper übermannen. Bochum fehlt mir, aber wenn ich Currywurst mit Dönninghaus-Sauce esse, habe ich für einige Minuten die Illusion, wieder dort zu sein.

Bochum Wattenscheid SushigardenEine weiteres kulinarisches Heimatgefühl weckt bei mir Sushi vom Sushigarden in Wattenscheid. Obwohl Wattenscheid für mich sicher nicht Zuhause oder gar Heimat war, verbinde ich es doch mit Bochum bzw. meiner Zeit dort. Und obwohl Düsseldorf die drittgrößte japanische Gemeinde in Europa beherbergt, habe ich hier bisher nirgendwo so gutes Sushi gegessen wie in Wattenscheid. Vielleicht schmeckt es aber auch einfach ohne Heimatgefühl nicht so gut. Dagegen spricht allerdings die Tatsache, dass ich inzwischen sowohl einige Freunde und eine Kollegin und deren Freunde zu Fans des Sushigardens gemacht habe.

Aber auch eine Spezialität aus dem Ruhrgebiet hat es mir angetan: Pfefferpotthast. Ich hatte vorher schon davon gehört, es aber nie gegessen. Gut gewürzte Fleischgerichte haben es aber generell ziemlich einfach bei mir. Eine ganz, ganz wunderbare Variation von Daniel Birkner, der Bochum leider inzwischen gen Asien verlassen hat, habe ich einmal beim Kochen in der Scheune im Haus Kemnade probieren können. Aber ich gerade schon wieder ins Schwärmen.

Düsseldorf Takumi Ramen

Deshalb abschließend noch ein paar Worte zu Düsseldorf: Ich wohne noch nicht sooo lange hier, bin aber sicher, dass Ramen sowohl von MyNoodlehouse als auch von Takumi für mich immer für Düsseldorf stehen werden. Ebenso wie japanische Brötchen von Bakery My Heart und Bakery Taka. Und auch Senfrostbraten, der früher gefühlt viel häufiger hier angeboten wurde. Aber eine richtige Heimat ist Düsseldorf für mich trotzdem (noch) nicht. Aber ein Heimatgefühl habe ich bereits. Doch das ist nichts, was ich nicht auch zumindest teilweise in den anderen Wohnorten empfunden habe, in denen ich meine Zuhause hatte.

Ich habe in den vergangenen Jahren festgestellt, dass für mich Heimat dort ist, wo ich mich wohl fühle, wo Menschen sind, die ich liebe, denen ich etwas bedeute und die bewirken, dass ich mich wohl fühle. Heimat ist ein Gefühl, kein Ort. Und manchmal kann eben auch Essen zumindest ein Heimatgefühl hervorrufen – eine wirkliche Heimat ist trotzdem etwas vollkommen anderes. Aktuell habe ich keine. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ich früher oder später wieder einen Ort und Menschen finde, die meine Heimat sind.

3 Gedanken zu “Heimat geht durch den Magen

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