Meine schönste Urlaubserinnerung

Viele Menschen sagen, es sind die kleinen Dinge, die wirklich zählen. Doch viel zu selten beachten sie das auch. Mir geht es nicht anders. Zu schnell, zu hektisch, zu schnelllebig und vor allem zu durchgeplant sind unsere Leben, als dass wir so oft innehalten könnten, wie es nötig wäre, um sich in Ruhe umzuschauen, durchzuatmen und diese wunderbaren kleinen Dinge des Alltags zu genießen.

Auch im Urlaub ändert sich das häufig nicht. Die Tage sind abgezählt, die Stunden durchgetaktet und die Programmpunkte wollen abgehakt werden. Da bin ich ebenfalls leider keine Ausnahme. Im Urlaub möchte ich neue Eindrücke sammeln, viel sehen, leckeres Essen „aufspüren“, vielleicht auch Menschen kennen lernen. Aber Erholung im Sinne von Abschalten und Innehalten kommt in meinen Urlauben nur selten, meist nicht geplant und oft nur für wenige Stunden vor.

Manchmal genügen aber wenige Minuten, um etwas besonderes zu empfinden, eines dieser besagten „kleinen Dinge“ zu würdigen. Und davon so viel Ruhe und Frieden zurückzubehalten, dass man lange Zeit davon zehren kann.
Während meines Rom-Aufenthaltes habe ich solche Minuten im Petersdom erlebt. Nein, kein religiöses Erlebnis, kein friedliches Durchatmen im Angesicht Gottes, kein erhabenes Gefühl aufgrund dieses prächtigen Bauwerks zu Gottes Ehren.
Glück. Mehr nicht.

Rom PetersdomAls unsere Gruppe mitten im Petersdom stand und unsere Führerin etwas zu dem Bau erklärte, fiel mein Blick auf ein Mädchen neben einer der wuchtigen Säulen. Sie war etwa 15 Jahre alt, saß im Rollstuhl und hatte Trisomie 21. Normalerweise starre ich Menschen nicht an, aber ich konnte meinen Blick einfach nicht von ihr wenden. Niemand befand sich in ihrer Nähe – zumindest niemand, der als ihre Begleitung erkennbar war. Die Tatsache, dass sie allein war schien sie nicht weiter zu stören. Denn mitten in diesem überfüllten, lauten und hektischen Gotteshaus, das doch ursprünglich ein Ort der Stille und Einkehr sein sollte, saß sie in ihrem Rollstuhl, trug Kopfhörer und – tanzte.

Und mit tanzen meine ich wirklich tanzen. Ihr Kopf, ihre Arme, ihre Beine, ihr Gesicht, ihre Augen, einfach alles an ihr tanzte. Die Arme schnellten in die Höhe und wirbelten herum, die Oberschenkel zuckten, wenn sich der Oberkörper drehte, der Kopf schüttelte sich von einer Seite zu anderen, die Augen strahlten, der Mund lächelte verzückt.
Inmitten dieser für mich fast schon beängstigenden und bedrohlichen Menschenmassen hatte sie sich einen eigenen Ort geschaffen, weit weg von alledem, lächelte selig und selbstvergessen und genoss den Augenblick.

Ich habe wohl selten in meinem Leben etwas so Wunderschönes gesehen. Keine Pracht von Kirchen, Tempeln, Kunstwerken oder sonstigen Bauten kann jemals an einen solchen Anblick heranreichen.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Besuchern habe ich im Petersdom etwas erlebt. Etwas, wofür ich diesem Mädchen sehr dankbar bin und das meine schönste Urlaubserinnerung ist. Glück. Mehr nicht. Aber auch kein bisschen weniger.

Zu diesem Rombesuch habe ich bisher folgende Artikel veröffentlicht:
– In cerveza veritas – Bier in Rom
– Viele Wege führen nach Rom
– Genusstipp Gelato: Die süßen Seiten Roms
– Die Hölle auf Erden – willkommen im Vatikan
 
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s