Wie würdest Du reagieren?

Eigentlich passt das Thema nicht hierher. Aber da es mich gerade intensiv beschäftigt, muss ich doch einen kurzen Eintrag dazu verfassen: Heute Nachmittag war ich in der Straßenbahn unterwegs vom Friseur in Unterbilk nach Flingern zum Stadtfest. Die Bahn war ziemlich voll und so saßen in meiner direkter Umgebung zwei Männer. Wenige Stationen nach mir stieg ein Mann ein, der die Fahrgäste der Reihe nach um einem Euro bat und nur Absagen erhielt. Auch ich gab ihm kein Geld. Als er den ersten Mann in meiner Nähe fragte, sagte der sinngemäß, aber fast wortwörtlich: „Ich brauche auch Geld. Musste arbeiten gehen.“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu „Wir bekommen auch nix geschenkt.“ Schon da zuckte ich zusammen. Der zweite Fahrgast antwortete auf die Frage des Mannes: „Musste zo Foos jonn. Ich han auch ken Jeld. Sind wir beide arm.“ und lachte leise in sich hinein.

Ich gebe zu: Generell bin ich kein Fan davon, wenn ich beispielsweise in der Bahn oder im Restaurant angebettelt werde. Davon abgesehen, käme man inzwischen in Düsseldorf und vermutlich auch in vielen anderen Städten kaum noch hinterher, wenn man jedem, der fragt oder bettelnd an der Ecke steht, Geld geben würde. Und ich finde, jedem steht zu, diese Anfragen abzulehnen. Das ist die eine Sache. Aber die andere Sache ist, wie man diese Absage formuliert.
Zugegeben: Der Mann sah trotz seines recht langen, nicht besonders gepflegt wirkenden Bartes und seiner Haare, die außerdem etwas fettig waren, nicht gerade verwahrlost oder sehr bedürftig aus. Vielleicht dachten die beiden älteren Männer, er sei zumindest grundversorgt. Aber ich denke, so etwas kann man nie wirklich einschätzen. Vielleicht hatte er irgendwo frische Kleidung erhalten und eine Dusche nehmen können. Die Kleidung war sicher nicht die beste, aber sauber und gepflegt, er hatte aber weder Alkohol dabei, noch roch er danach. Er war weder aggressiv noch penetrant. Es gab keinen Grund, ihn unfreundlich zu behandeln – falls es für so etwas einen Grund gibt.

Nachdem der zweite Fahrgast ihm geantwortet hatte, sagte der Mann recht leise, fast wie zu sich selbst etwas in der Art wie: „Das Ticket habe ich doch schon, sonst wäre ich ja nicht eingestiegen.“ Und da schnürte es mir endgültig die Kehle zu. Beide Männer haben diesen Mann, der etwa in ihrem Alter war, geduzt, obwohl er sie gesiezt hatte. Sie haben ihn mit nur wenigen Sätzen unglaublich gedemütigt, ich finde sogar, nahezu entmenschlicht. Sie haben ihm mehr oder weniger direkt vorgeworfen, er wolle gar nicht arbeiten, liege anderen auf der Tasche, ihm unterstellt, er fahre schwarz, und ohne zu wissen, wie es um seine wirtschaftliche Situation bestellt ist, behauptet, es gehe ihnen ebenso schlecht wie ihm. Ob der Mann nun auf das Geld angewiesen ist oder nicht, ob er sich in einer Not-situation befindet, an der er schuld ist oder nicht – ganz egal. Niemand sollte sich zum Richter aufschwingen, vor allem nicht in einer solchen nicht zu beurteilenden Situation.

Ich habe die Augen des Mannes gesehen, nachdem er so behandelt wurde, und ich habe nur Leere und Traurigkeit gesehen. Vielleicht hätte ich etwas sagen müssen, aber Ihr kennt das ja vielleicht selbst: Manchmal weiß man erst hinterher, was richtig gewesen wäre bzw. was man hätte sagen sollen. Trotzdem frage ich mich, was Menschen dazu bringt, so zu reagieren. Hätten die Männer nicht einfach ohne weitere Kommentare ablehnen können? Von mir aus hätten sie auch sagen können, dass sie kein Geld, keinen Euro haben. Aber muss man Menschen, die nach Geld fragen – was zumindest für mich eine extreme Überwindung bedeuten würde und was vermutlich niemand wirklich freiwillig macht – beleidigen, demütigen und beschimpfen?

Der Mann ist übrigens am Bahnhof ausgestiegen. Ich weiß natürlich nicht, woher er kam bzw. wohin er ging, aber in der Nähe der Haltestelle, an der er einstieg, befindet sich das Café Horizont, in dem Obdachlose u.a. duschen können und frische Kleidung bekommen. Und in der Nähe des Hauptbahnhofs gibt es eine Anlaufstelle in der Harkortstraße. Soweit ich weiß, müssen Obdachlose auch für diese Dienste und Unterkünfte einen kleinen Beitrag entrichten.
Vielleicht war der Mann wirklich obdachlos, vielleicht war er „nur“ anderweitig bedürftig, vielleicht war er einfach „nur“ arm. Aber diese beiden Männer haben ihm in wenigen Sekunden auch noch die Menschenwürde genommen und das dürfte in diesem Moment vermutlich weitaus schlimmer gewesen sein. Und ich bedauere sehr, dass mir die Worte gefehlt haben, um ihm in dieser Situation wenigstens etwas beizustehen.

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5 Gedanken zu “Wie würdest Du reagieren?

  1. michaeleriksson schreibt:

    Mit Vorbehalten für das Duzen, das auch mundartlich oder gewohnheitsbedingt sein könnte, sehe ich nichtsn, woran an sich irgendjemand zurecht aufregen könnte. (Eben in Köln und Düsseldorf werde ich öfters von völligen Fremden geduzt.)

    Hierzu kommt natürlich, dass es zweifelhaft ist, ob jemand hier in Deutschland betteln _muss_, um über die Runden zu kommen. Harz IV erschafft kein gutes Leben, aber ausreichend viel, um den Bettelstab unnötig zu machen, ist schon drin. Dass man sich nicht gerne mit den eher unfähigen Mitarbeitern und komischen Bürokratie deutscher Behörden herumschlagen möchte, kann ich gut verstehen. Diese Pille sollte man aber schon schlucken bevor man betteln geht. (In Kontrast setzt „arbeiten gehen“ ein williger Arbeitgeber voraus, und ist nicht immer und für jeden ein offener Weg.)

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    • Futterqueen schreibt:

      Bezüglich des Duzens gebe ich Dir recht. Allerdings war es in diesem Fall von entsprechenden Tonfall bzw. Mimik begleitet.
      Alles andere (Armut, Hartz IV, arbeiten gehen wollen/können) hat so viele verschiedene Facetten und betrifft leider viel zu viele Menschen in Deutschland, als dass man eine generelle Aussage treffen bzw. es „mal eben“ diskutieren könnte. In diesem Fall habe ich einfach einen Menschen mit sehr, sehr traurigen Augen gesehen. Ich muss manchmal einfach nicht mehr wissen.

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  2. NeoCologne schreibt:

    Ich habe neulich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder einer bedürftigen Person Geld gegeben, weil mich die Reaktion der Umstehenden dazu gebracht hat. Situation: Köln, Rudolfplatz, U-Bahn-Station. Ein Mensch auf der Suche nach Pfandflaschen. Nicht sonderlich verwahrlost aber mit dem typischen gedemütigten Blick einer Person, die am liebsten ganz woanders wäre. Neben mir steht eine Dame, die diese Person anguckt, dann zu mir guckt, mit den Augen rollt und den Kopf schüttelt, um mir quasich ohne Worte zu verstehen zu geben, wass sie von dem Pfandsammler (oder -in?) hält.

    Das hat michvollends dazu bewogen, mein Bier zuende zu trinken, um den Flaschenhals einen 5 Euro-Schein zu wickeln und sie so dem bedürftigen Menschen in die Hand zu drücken. Am Schlimmsten finde ich die soziale Kälte, die hierzulande Einzug hält.

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    • Futterqueen schreibt:

      Mh, ich habe den Eindruck, dass sich in unserer Gesellschaft gerade sehr viel bewegt. Ich hoffe, dass das auf Dauer auch positive Änderungen zur Folge hat.
      Zugegeben: Ich kaufe auch nicht immer Fifty Fifty oder Bodo, wenn ich die Chance dazu habe, aber er passiert und ich kenne viele, die das ebenso machen. Ich gebe auch kaum einmal einem Bettler Geld, aber ich gebe Kleidung etc. an Organisationen weiter, die sie verteilen (und damit meine ich nicht nach Afrika verkaufen), ich kenne ebenfalls viele andere, die ähnlich mit Aussortiertem verfahren.
      Als ich in Kuba war, habe ich einen Mann gesehen, der in einem Container nach Essenresten suchte – und dort wird wenig weggeworfen, man kann sich also den Zustand der Essenreste vorstellen, die in der Hitze im Container lagen. Er hat Saftreste aus Getränkepäckchen getrunken. Ich glaube, dass ich das nie vergessen werde. Da es um die Ecke von meinem Casa war, bin ich kurz rein, habe meine Sachen abgestellt, Geld aus meinem Portemonnaie genommen und bin wieder zurück gegangen. Als ich ihm das Geld in die Hand gedrückt habe, habe ich ihm gesagt, dass es für Getränke und Essen sein soll. Da es einheimisches und kein Touristen-Geld war, hätte er sich davon rund vier, fünf Pizzen kaufen können (vermutlich auch noch mehr, wenn er anderes Essen gekauft hat, aber ich kannte die „Pizza-Währung“ am besten 😉 Was ich damit eigentlich sagen will ist, dass ich Dir recht gebe und wir manchmal einfach Mitgefühl mit anderen haben sollen – ohne die Situation oder die Menschen zu bewerten und verurteilen. Daran muss ich auch immer wieder arbeiten.

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