Clotted Cream or not – that is the question

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Dieses Foto verwende ich mit freundlicher Genehmigung von Tanz auf der Tomate.

In den Genuss meines ersten Cream Teas kam ich im Alter von 19 Jahren. Damals besuchte ich meine englische Brieffreundin im kleinen Okehampton in Devon. Auf meine Nachfrage, was Cream Tea sei, bot mir ihre Mutter Jane an, eben diesen zuzubereiten. Damals aß ich das erste Mal Scones und  was noch viel wichtiger ist  Clotted Cream. Seitdem bin ich süchtig und immer auf der Suche nach einem guten Afternoon Tea mit Scones und Clotted Cream.

Im Reid’s Palace in Funchal hatte ich bisher meinen besten Afternoon Tea: auf der überdachten Terrasse mit Blick auf das Meer, eine laue Brise wehte, der Service war freundlich, aufmerksam und unaufdringlich, die umfangreiche Teekarte machte die Auswahl schwer und die Sandwiches, das Gebäck und die Scones mit Clotted Cream schmeckten hervorragend. Es war also klar, dass sich zukünftige Afternoon Teas an diesem Erlebnis messen lassen müssten. Düsseldorf sollte einen neuen Höhepunkt in meiner Afternoon/Cream Tea-„Karriere“ darstellen. Zumindest war das der Plan.

Die Adventszeit schien mir den passenden atmosphärischen Rahmen zu bilden, das 5-Sterne Steigenberger Parkhotel an der  sollte ein übriges dazu beitragen. In der Vorweihnachtszeit bot das Hotel samstags und sonntags „Original englischer High Tea in unserem Steigenberger Eck.“ Das Königin-Victoria-Gedeck“ für zwei oder mehr Personen kostete 28 € pro Person. Ein recht stolzer Preis, aber was zahlt man nicht alles in Erwartung von Scones mit Clotted Cream und weiteren Leckereien.

Dieses Foto verwende ich mit freundlicher Genehmigung von Tanz auf der Tomate.

Und so mache ich mich an einem winterlich-kalten Samstagnachmittag auf den Weg zum Steigenberger. Entgegen meiner Gewohnheit komme ich ein wenig zu spät, der Grund dafür wird später noch kurz Thema sein. Meine Begleitung sitzt bereits erwartungsfroh in einem gemütlichen Cocktailsessel an einem niedrigen Tisch und genießt eine dampfende Tasse Tee. Die Bedienung hat ihr bereits die Jacke abgenommen und zur Garderobe gebracht. Also lege ich meine Jacke über die Lehne des Sessels und warte. Nach einer Weile kommt tatsächlich ein Kellner, erkundigt sich nach meinem Teewunsch und verschwindet. Nachdem ich wieder zu Atem gekommen bin, schnappe ich mir seufzend meine Jacke und mache mich auf die Suche nach der Garderobe. Ganz in der Nähe finde ich auch eine – vermutlich die falsche, denn dort hängt keine einzige Jacke, sie liegt genau auf dem schmalen Gang zur Küche und Kleidungsstücke hängen dementsprechend etwas im Weg. Aber die Jacke hat ein Plätzchen gefunden und der gemütliche Afternoon Tea kann endlich beginnen.

Aktuell leidet der Blick aus dem neu gestalteten Steigenberger Eck leider ein wenig unter den Bauarbeiten am Kö-Bogen. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass die Gäste den Blick durch die schönen großen Fenster auf eine riesige Baustelle als besonders angenehm empfinden. Aber daran kann die Hotelleitung nun einmal nichts ändern. Ansonsten ist der Raum hell, freundlich und wird von nicht zu protzigen oder steifen Möbeln dominiert. Der Pianospieler untermalt die gediegene Atmosphäre durch unaufdringliche Musik, die herausgeputzten Kellner huschen dienstbeflissen durch den Raum und erkundigen sich bei den offensichtlich vorwiegend Stammgästen nach der Zufriedenheit und weiteren Wünschen.

In der Zwischenzeit fällt mein Blick auf den Tee meiner Begleitung und ich stocke irritiert mitten in der Ausführung zu meinem gerade beendeten Urlaub. Dass das Geschirr nicht gerade neu oder besonders elegant erscheint, ist eine Sache – wenn auch für ein 5-Sterne-Haus sicher eine etwas ungewöhnliche –, aber: Tee in einer Kaffeetasse? Das erwarte ich in einem kleinen Café, bei mir zu Hause oder bei Freunden, aber nicht bei einem Afternoon Tea für 28 €. Auch die Teekarte, die ich nun eifrig studiere, ist eher enttäuschend. Etwa fünf oder sechs zwar recht gute, aber doch herkömmliche Teesorten sind dort aufgeführt. Für eine Karte mit weiteren Sorten solle man sich an den Service wenden. Hier sind meine Erwartungen an einen Afternoon Tea ebenfalls die, dass ich nicht nach einer Teekarte fragen muss, im Gegenteil.

Auch meinen Tee erhalte ich schließlich in einer Teekanne mit einer Kaffeetasse. Aber genug der Erbsenzählerei. Die Étagère, nach meiner Ansicht vor allem immer auch ein optisches Highlight bei einem Afternoon Tea, sieht wunderbar aus und der Anblick der Köstlichkeiten lässt meinen bewusst ausgehungerten Magen noch etwas lauter knurren. Das nächste Grummeln kommt allerdings vom Sessel neben mir: „Es ist gar kein Cucumber Sandwich dabei.“ Um die Ehre des Steigenbergers zu retten, möchte ich anmerken, dass die drei angebotenen Sorten – pro Person ein Sandwich mit Lachs, Roastbeef und Käse, alle ohne Kruste – hervorragend schmecken.

Die nächste Ebene der Étagère ist meine Lieblingsebene. Für jede Person liegt dort ein Törtchen, das hoch aufragend mit Früchten belegt ist. Davon abgesehen, dass ich kaum in der Lage bin, diesen Törtchenberg auch nur ansatzweise stilvoll zu essen, ist er mein persönliches Highlight dieses Afternoon Teas.

Außerdem liegen pro Person noch ein englischer Teekuchen sowie ein gedecktes Törtchen auf der Étagère. Meiner Begleitung ist letzteres zu süß; ich finde es etwas mächtig, aber köstlich. Der Teekuchen dagegen ist mir auch mit Butter zu trocken und ich verzichte gerne darauf. Das empfinde ich vor allem deshalb nicht als besonders schlimm, weil die Scones auf der nächsten Ebene darauf warten, den Afternoon Tea perfekt abzurunden.

Leider bewahrheitet sich dann das, was wir zu Beginn unserer kleinen Teetafel bereits befürchtet, aber nicht hatten wahrhaben wollten. Der Super-Gau für einen Afternoon Tea, meine persönliche Katastrophe in der Vorweihnachtszeit: Es gibt keine Clotted Cream! Stattdessen serviert man uns zu den Scones Schlagsahne! Schlagsahne! Ich zahle keine 28 € für einen Afternoon Tea, um Schlagsahne serviert zu bekommen! Kaffeetasse hin oder her, Cucumber Sandwiches oder nicht, zu süße oder zu trockene Törtchen – alles hätte ich verkraften, ja sogar komplett vergessen können, wenn es ordentliche Scones mit Clotted Cream gegeben hätte. So bleibt mir dieser Afternoon Tea nur als enttäuschend und für das Angebot als zu teuer in Erinnerung. Meiner Begleitung schmecken die Scones auch mit Butter und Schlagsahne recht gut, mir nicht. Erst recht nicht mit diesem eher behelfsmäßig servierten wirkendem Belag. Sehr schade zudem, dass Clotted Cream explizit im Angebot des Steigenberger erwähnt war.

Fazit: Das Steigenberger Eck bietet eine nette Atmosphäre mit angenehmer musikalischer Unterhaltung. Der Service könnte etwas aufmerksamer sein; auf unseren zweiten Tee müssen wir warten, weil wir längere Zeit gar keine Chance haben, die Bestellung aufzunehmen. Zu keinem Zeitpunkt erkundigt sich jemand bei uns, ob wir zufrieden seien. An den meisten anderen Tischen scheint das allerdings der Fall zu sein.

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Dieses Foto verwende ich mit freundlicher Genehmigung von Tanz auf der Tomate.

Davon abgesehen, dass uns der erste Tee in Kaffeetassen serviert wird, war er gut. Bei der zweiten Runde erhalten wir Teetassen, die jedoch deutliche Abnutzungsspuren aufweisen, was ich nicht schlimm finde, mich aber in einem Hotel dieser Klasse doch einmal wieder ein wenig irritierte. Dafür ist der Tee dieses Mal eindeutig zu kalt und hat im Gegensatz zum ersten Tee, der uns serviert wird, wohl auch schon eine Weile gezogen: Als wir ihn schließlich trinken, ist er viel zu bitter. Bezüglich der Ziehdauer hätten wir uns über eine kurze Information von Seiten des Services gefreut. Teeliebhaber sollten vielleicht vorsichtshalber den Kaffee im Steigenberger probieren.

Die Sandwiches sind gut, doch zu einem richtigen Afternoon Tea gehören nun einmal Cucumber Sandwiches. Der süße Teil ist allerdings Geschmackssache ebenso wie die Scones. Zu der Tatsache, dass Schlagsahne statt Clotted Cream serviert wird, sage ich besser nichts mehr. Die Marmelade, die dazu serviert wird, schmeckt übrigens gut.

Alles in allem finde ich den Preis überzogen für das, was uns geboten wird. 18 € oder weniger pro Person wären angemessener gewesen. Sollte das Steigenberger auch im nächsten Jahr wieder „Original englischen High Tea“ anbieten wollen, wäre es ratsam, das Angebot zu überarbeiten.

Wir werden für unseren nächsten Afternoon Tea jedenfalls lieber den Breidenbacher Hof besuchen, zu dem ich – hust – wegen meines Post-Urlaub Jet Lags aus Versehen zuerst gelaufen bin. Der Service dort war sehr freundlich, unglaublich bemüht und das Teegeschirr sah zumindest aus einiger Entfernung genauso aus, wie ich es von einem 5-Sterne-Haus erwarte. Die Atmosphäre war deutlich englischer und etwas „schwerer“ als im Steigenberger, außerdem kostet der Spaß 35 €, aber dennoch möchte ich dem dort täglich angebotenen Afternoon Tea eine Chance geben. Schließlich soll Düsseldorf Funchal von der Spitze meiner TOP 3-Afternoon Teas ablösen. Und meine Sucht verlangt dringend nach Scones mit Clotted Cream.

Update Januar 2016: Aktuell wird der Afternoon Tea im Steigenberger Hotel anscheinend nicht mehr angeboten.

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