Jan am Gesang

Bilder Kamera 096 2Rio Reiser. Ton Steine Scherben. Die Siebziger. Agitrock. Protestsongs. Hausbesetzerszene.

Rio Reiser. Solokarriere. Die Achtziger. Neue Deutsche Welle. Sehnsuchtssongs. Schuldenfrei.

Niemand kann bestreiten, dass Rio Reiser ein umfangreiches und vielschichtiges Werk hinterlassen hat. Und so unterschiedlich die Abschnitte seiner Karriere scheinen, so fließend sind die Übergänge zwischen den Stücken aus seiner Zeit mit Ton Steine Scherben und seiner Solokarriere aber letztendlich. Schließlich stammten viele Stücke, mit denen er als Solokünstler Erfolge feiern konnte, noch aus den Zeiten, in denen er das Idol der linksalternativen Szene war, sind im Grunde „glatt gebügelte“ Ton Steine Scherben-Lieder.

Seit über fünf Jahren tourt der vor allem als Selig-Sänger bekannte  Jan Plewka immer mal wieder mit seinem Programm „Jan Plewka singt Rio Reiser“ durch die Republik. Und nimmt das Publikum dabei mit auf die Reise durch Rios Werk, sein Leben, sein künstlerisches Sein. Das beginnt schon mit dem ersten Ton: Ins Dunkle hinein tönt eine Stimme. „Stiller Raum, stille Nacht,
alles schläft, ich bin wach.“  Minutenlang lauscht das Publikum. Dann zieht Jan Plewka, bekleidet mit weißem Hemd, rotem Jackett und schwarzer Hose, nur von einem weißen Spot beleuchtet, mit seiner Gitarre vom hinteren Teil des Zeltes durch den Mittelgang in Richtung Bühne und stimmt „Halt dich an deiner Liebe fest“ an. Einfach faszinierend. Obwohl er stimmlich durchaus seine eigene Note hat, ähnelt sein Gesang doch frappierend dem Rio Reisers. Nur dieses Rauchige, Knorrige, Knarzige, das etwas Sperrige, etwas Dreckige, das Rios Stimme ausgezeichnet hat, trifft Jan Plewka nicht ganz.

Der Protestsong „Keine Macht für Niemand“ kommt als eines der ersten Lieder gut an, doch kann das Publikum mit der hocherhobenen Faust Plewkas nichts anfangen, erst recht nimmt es sie nicht auf. Vielleicht will es das auch gar nicht, schließlich ist neoanarchistische Sponti-Bewegung der Siebziger und Achtziger Jahre längst nostalgisch verklärte Geschichte. Hausbesetzer oder ähnliches ist wohl aktuell niemand im Publikum, höchstens Hausbesitzer. So ist das Lied in letzter Konsequenz nichts anderes als eine Reminiszenz an längst vergangene unruhige, aufregende Zeiten  – und an die Jugend vieler Besucher.

Doch trotzdem geben Jan Plewka und die Band „Die Schwarz-Rote Heilsarmee“ sicher das abwechslungsreichste und beste Konzert, das ich während des Zeltfestival Ruhr besuchen konnte. Bei dem Lied „Irrenanstalt“ stürmt der Sänger auf einmal von der Bühne. Auf das Zeltdach wird ein Video projiziert, in dem Plewka auf einer atemlosen Flucht durch die Innenstadt Hamburgs zu sehen ist. Bekleidet nun mit einer roten statt einer schwarzen Hose, sowieso schon seit einiger Zeit des Jacketts entledigt und nur noch mit dem langen, weiten, weißen Hemd bekleidet, ruft, schreit, brüllt er verzweifelt, gehetzt, fiebernd, fragend durch den Hauptbahnhof „Hallo, hallo! Ist dort die Irrenanstalt?“

Es sind auch Bilder wie dieses, die das Konzert für mich zu einem besonders unvergesslichen machen. Die Stimme Plewkas, seine Leidenschaft, die Qualität der Band, die Spielfreude der Künstler tun ihr übriges. So ziehen sie „Der Turm stürzt ein“ zum besten gebend durch die Stuhlreihen im Publikum und sammeln „für Bier für die Zugrückfahrt“. Das machen sie – wie Videos auf Youtube beweisen – wohl nur in Ausnahmefällen. Die Stimmung im Publikum hebt es aber umso mehr, falls das überhaupt noch möglich ist. Beim „Rauch-Haus-Song“ sitzen die Künstler auf der Bühne um ein künstliches Lagerfeuer herum und spielen das Stück unplugged. Gänsehaut. Und dann rufen alle im Publikum mit dem Sänger zusammen „Ihr kriegt uns hier nicht raus!“ Wenn Plewka wüsste, wie wahr das ist.

Aber auch die ruhige, nachdenkliche Seite Rio Reisers findet im Programm ihren Platz. Als es der Band zu laut wird, verlässt sie (einstudiert) die Bühne, denn „vielleicht hört das Bierflaschengeplöppe, das Rein- und Rausgerenne, die ganze Unruhe auf und Jan bekommt die Aufmerksamkeit für seine Lieder, die er verdient“.  Kurz darauf hört man vier Flaschen ploppen, das Publikum lacht auf und Plewka sitzt alleine mit einem Schifferklavier auf dem Ottomanen, der bedeckt mit einer roten Samtdecke dekorativ mitten auf der Bühne steht. Charmant ungelenk beginnt er, sich selbst zu  „Unten am Hafen“ zu begleiten. Applaus gibt es auch für „Der Traum ist aus“, bei dessen Instrumentalteil Plewka sich ins Publikum zurückzieht und nur die Musik, seine Band wirken lässt. „Zauberland“ ist so faszinierend, dass Worte es fast nicht beschreiben können. Berührend, zart, mitreißend trägt Plewka diese Kritik an der Bundesrepublik vor – wie immer lässt er dabei Rio vor seiner eigenen Persönlichkeit den Vortritt.
Gegen Ende des Konzertes stellt Plewka die Band samt der von ihnen gespielten Instrumente vor. Als Letzten sich: „Und Jan am Gesang.“ Und Rio über allem.

Bekanntere Stücke wie „Alles Lüge“ oder „Junimond“ dürfen natürlich nicht fehlen. Letzteres versucht Jan Plewka als Rauswerfer zu verwenden, indem er das Publikum die Strophe „Es ist vorbei, bye, bye. Junimond. Es ist vorbei, es ist vorbei, bye, bye.“ immer wieder singen lässt, während die Künstler nach und nach die Bühne verlassen. Aber wie eine Freundin von mir so richtig sagt: Das Publikum im Ruhrgebiet ist ein sehr dankbares Publikum. So kommt Plewka nicht um eine Zugabe herum, und dann noch eine und noch eine. „Ihr kriegt uns hier nicht raus!“ Die begeisterten Besucher lassen nicht locker, spenden Applaus, stehen auf , pfeifen, rufen. Das wohl bekanntestes Lied Reisers singt Plewka (glücklicherweise nicht): „König von Deutschland“. Dieser Abend beweist es: Rio Reiser war mehr als das.

PS: Die verlinkten Youtube-Videos stammen nicht vom Konzert auf dem Zeltfestival Ruhr, sind aber aus dem gleichen Programm und entsprechen deshalb in etwa dem Auftritt in Bochum.

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