311 Luftballons

Bilder iPhone 576Die Kulturhauptstadt hatte bisher einige Höhepunkte zu bieten: das märchenhafte Eröffnungsfest auf Zoll-verein, die Biennale für Internationale Lichtkunst, !SING – Day of Song, das Still-Leben auf der A40 – und die SchachtZeichen.

Dieses im Vorfeld nicht gerade unumstrittene Projekt  sollte sowohl künstlerische wie auch kommunikative Aspekte bedienen.  Die Wahrnehmung von (Stadt-)Räumen und geschichtlichen Zeiträumen bildete ebenfalls einen Schwerpunkt beim Konzept. Große gelbe Ballone sollten über ehemaligen Schächte schweben und sie so als Orte der Montanver-gangenheit markieren. Die auf den ersten Blick eher ungewöhnlichen Standorte dieser SchachtZeichen – Museen, Hinterhöfe, Theater, Waldgebiete, Parkplätze, Fabriken, Einkaufszentren, Wohngebiete, Firmengelände – verdeutlichen, wie nah die Bergbauindustrie den Ruhris im Grunde noch ist und wie weit sie dennoch aus dem kollektiven Blickfeld gerückt ist.

Der künstlerische Ansatz war somit relativ klar erkennbar. Aber wo sollte denn nun der kommunikative sein? Im Vorfeld wurde viel diskutiert und vor allem nicht gerade konstruktiv kritisiert, das alles fällt auch in den Bereich Kommunikation. Was aber wirklich damit gemeint war, zeigte sich erst, als das Projekt am 22. Mai startete: Bei Twitter überschlugen sich die Kommentare zu den SchachtZeichen, viele tweeten, wo sie welche Zeichen besucht hatten – natürlich samt Erinnerungsfoto. Alle möglichen Aussichtspunkte erlebten einen unglaublichen Ansturm. Vor dem an einem Tag geöffneten Bomin-Haus standen Neugierige Schlange, um vom 17. Stock aus einen Blick auf Bochum und die umliegenden Städte zu werfen. Auf dem Tippelsberg drängten sich die Menschenmassen, in der obersten Etage des Essener Rathauses war während der NachtSchachtZeichen kein Durchkommen mehr. Und so ähnlich sah es bei allen Hochpunkten im Ruhrgebiet aus.

Die Menschen kamen, schauten, staunten. „Hier sollte eine Zeche gewesen sein?“ „Ach ja, stimmt, hier war ja Zeche XY!“ „Ich kann mich noch daran erinnern, wie mein Vater dort gearbeitet hat.“ Fremde Menschen kamen ins Gespräch, erzählten aus ihrer Jugend, übertrafen einander in der Ausschmückung von Familiengeschichten, lachten, tranken ein Bierchen zusammen, scherzten, erinnerten sich, …kommunizierten.

Mein erstes SchachtZeichen habe ich passenderweise von der Autobahn aus auf der Höhe vom Rastplatz Flöz Mausegatt gesehen. Auf dem Weg zu den verschiedenen Orten der Biennale für Internationale Lichtkunst konnte ich in den folgenden Tagen immer wieder einen Blick auf verschiedene Ballons werfen. Allerdings habe ich nur einen Ballonstandort in Bochum besucht, etwa einen Kilometer von meiner Wohnung entfernt, an einem Ort, von dem ich gar nicht wusste, dass dort vor etwa fünfzig Jahren eine Zeche gewesen war. Vom Bomin-Haus und von der Zirbelstube der Fiege Brauerei aus habe ich aber zumindest  das tolle Panorama, garniert mit kleinen gelben Punkten genießen können (leider sind sie auf meinen Bildern kaum oder gar nicht zu erkennen).

Obwohl ich nicht im Ruhrgebiet aufgewachsen bin, früher auch nie irgendeine Berührung zum Bergbau hatte und nur selten bei meiner „Duisen-Oma“ in Duisburg (das ich ganz schrecklich fand) zu Besuch war, hat mich dieses Projekt doch tief berührt. Nicht nur, weil ich mit wildfremden Menschen am Bierstand ins Gespräch gekommen bin, langsam ein wenig erahnen konnte, wie es hier vor vierzig, fünfzig Jahren ausgesehen haben mag und was der Bergbau für die Region und ihre Menschen bedeutet hat. Sondern auch, weil ich gesehen habe, wie tief die Menschen hier immer noch mit ihrer Geschichte verwurzelt sind.

Dem Ruhrgebiet wird immer nachgesagt, dass es nur ein zusammenhängendes großes Gebiet ist, das im Grunde aber aus 53 einzelnen  Städten besteht, die alle ihre eigenen Interessen durchsetzen wollen und die sich nicht um die ihrer Nachbarn scheren. Durch die SchachtZeichen hatte ich erstmals das Gefühl, in einer Stadt zu wohnen – die Be-zeichnung Metropole finde ich trotz der etwa 5,2 Millionen Einwohner dennoch etwas übertrieben -, in einer Stadt mit einer gemeinsamen Identität, einer gemeinsamen Ver-gangenheit, einem gemeinsamen Gefühl und hoffentlich auch einer gemeinsamen Zu-kunft. Ich hatte den Eindruck, dass die Menschen im Ruhrgebiet sich neun wundervolle Tage lang durch dieses Projekt  miteinander verbunden fühlten. Sollte auch nur ein Teil dieses Gefühls in die Zeit nach den SchachtZeichen gerettet worden sein, dann handelte es dabei nicht nur um ein Kunstprojekt, dann waren die SchachtZeichen ein Zukunfts-projekt.

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