Wir brauchen Bass!

Bilder iPhone 021Vor zwei Jahren, gerade frisch in Bochum eingetroffen, nahm ich sofort das in Angriff, was ich vier Jahre so sehr vermisst habe: den Besuch von Konzerten, Theatern und Museen. Deshalb war ich hocherfreut, als ich entdeckte, dass ein neues Festival nur knapp sieben Kilometer von meiner Wohnung entfernt kurz nach meinem Einzug beginnen sollte. Gleich am ersten Abend stand ein Auftritt von Jan Delay auf dem Programm und genau dort wollte ich hin. Aber wie das Leben so spielt, setzten mich genau in dieser Woche Grippesymptome außer Gefecht. So schlummerte ich den fiebrigen Grippeschlaf, während Jan Delay das erste Konzert des Zeltfestival Ruhr überhaupt spielte. Ich bin wohl eher nicht so der richtige-Zeit-Typ.

Aber manchmal erhält man im Leben eine zweite Chance – so war es auch in diesem Fall. Als ich im Frühjahr das vorläufige Line-up des Zeltfestival Ruhr sah, traute ich meinen Augen kaum: Auch 2010 sollte Jan Delay der Eröffnungs-Act am Kemnader See sein! In letzter Sekunde konnte ich noch zwei Karten ergattern, dann war das Konzert bereits ausverkauft.

Dann ist es endlich soweit. Natürlich muss ich auch dieses Mal einige Grippostad futtern, um überhaupt Richtung Zeltfestival fahren zu können. Doch trotz dieser kleineren Einschränkung ist das Konzert toll. Nun gut, vielleicht ist es ein wenig zu heiß in dem Zelt: Bei 3.900 Besuchern und einer Außentemperatur von 30 Grad gepaart mit Jan Delay muss man aber wohl damit rechnen, dass Kondenzwasser von der Decke tropft.

Nachdem uns der Künstler ohne erkennbaren Grund einfach eine halbe Stunde lang in dieser angenehmen Sauna warten lässt, startet das Konzert dann direkt mit einem basslastigen Knaller:  Türlich, türlich – was auch sonst? Dabei stürmt Jan Delay wie immer adrett und gleichzeitig auffällig im hellblauen Anzug, pinken Hemd, weißer Krawatte und mit dem unvermeidlichen Hut auf dem kahlen Kopf auf die Bühne. Aber auch Stars sind nicht hitzeresistenter als der gemeine Fan und so steht er bald nur noch in Hose und weißem Unterhemd vor der Menge, was einige Damen mit begeistertem Quietschen kommentieren. Ich bin ja nicht so der Quietschtyp.

Natürlich sorgen vor allem die populären Lieder für brodelnde Stimmung, aber auch weniger bekannte Stücke begeistern die Fans schon aufgrund der Entertainerqualitäten des Künstlers. Ob er sein Publikum im Chor „LARGE!“ brüllen, es Reise-nach-Jerusalem-ähnlich zu „freeze!“ in den Songpausen auffordert oder nach seinen Wünschen tanzen lässt – das Publikum macht alles mit und fordert immer mehr. So muss der sich selbst Popsänger bezeichnende Künstler eine kurze Pause, in der er die heißen Scheinwerfer ausschalten lässt, abrupt beenden, als das Publikum „Seven Nation Army“ von den White Stripes anstimmt. Zur nicht ernst gemeinten Strafe gibt es eine grandiose Version vom Girl von Ipanema. Aber auch „Feuer“, „Disko“ und „Oh Jonny“ sorgen selbstverständlich für Begeisterungsstürme und emporgereckte Hände. Ich bin ja ehrlich gesagt eher nicht so der Hände-in-die-Luft-Typ.

Sogar „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“, das ich im Original nicht mehr hören kann und das mir auch bei Jan Delay dann und wann extrem auf die Nerven geht, ist live einfach nur genial. Disko No. 1 gibt zum Schluss noch einmal richtig Gas und begeistert mit kleinen Rap-Einlagen. Ab und zu sehe ich nun auch mehr als eine Hand, den Hut oder auch den gesamten Kopf von Jan Delay. Aber ich bin ja nicht so der Jan-Delay-Oberkörper-Fan-Typ.

Zwei Stunden lang habe ich alles vergessen, lebe nur in dieser Menge, der Hitze, der Musik. Inzwischen geht mir aber auf der Höhe meiner 1,55 Meter zwischen den größeren Menschen langsam die Luft aus, und mein Körper hat kaum noch Flüssigkeit zur Verfügung, die er ausschwitzen könnte. Ich bin eher nicht so der Steh-Konzert-Typ.

Dann ist auf einmal alles vorbei, der Sänger verschwindet von der Bühne, die Band hinterher. Zurück bleibt das Publikum, und ich bin mittendrin – müde, verschwitzt, mit schmerzenden Beinen, durstig und noch vollkommen elektrisiert von der Energie der Masse und dem Auftritt Jan Delays. Ich bin wohl ein Konzert-Typ.

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