Still-Leben auf dem Ruhrschnellweg

Bilder iPhone 1712Still-Leben auf dem Ruhrschnellweg. Ehrlich gesagt kann ich mich nicht daran erinnern, dass irgendjemand, mit dem ich im Vorfeld dieser ambitionierten RUHR.2010-Veranstaltung gesprochen habe, daran geglaubt hat, dass dieses Experiment funktioniert. Rund 60 Kilometer der A40 zwischen Duisburg und Dortmund absperren, die Lebensader des Ruhrgebiets für knapp 24 Stunden kappen! Fluchtwege, Wege für die Rettungskräfte, an einem vermutlich heißen Julitag ausreichend Getränke für mehrere hunderttausend Menschen zur Verfügung stellen, die auf der Autobahnfeier zu erwarten waren, der Auf- und Abbau von rund 20.000 Bierzeltgarnituren, die Beseitigung von Müll und, und, und… Die Liste der Unmöglichkeiten schien endlos. Ganz zu schweigen davon, dass sich niemand vorstellen konnte, wie die Ruhris „ihren“ Ruhrschleichweg mit der Präsentation von Dackelclubs, Fußballvereinen und Männerchören anderem eher privaten Schnickschnack in eine brodelnde Kulturhauptstadt-Partymeile verwandeln sollten. 

Wie sollten wir uns alle irren. Unglaublich irren: Je näher der Termin rückte, umso mehr wuchs die Spannung – und auch die grummelige Skepsis wandelte sich unmerklich in erwartungsvolle Neugier. Schließlich hatte jeder meiner Freunde und Bekannten, sofern am 18. Juli im Ruhrgebiet, Verabredungen für einen Bummel über die  A40 getroffen oder gar durch die Platzverlosung einen eigenen Tisch beim Still-Leben Ruhr ergattert. Die Sperrung der A40 gegen 22 Uhr am Samstag wurde per Twitter oder Facebook dokumentiert, tausende sahen den Einsatzkräften von Feuerwehr, THW etc. beim Aufbau der Bierzeltgarnituren zu, Anwohner genossen die ungewohnte Ruhe der Sommernacht, das Ruhrgebiet befand sich in gespannter Vorfreude.

Am Sonntagmorgen um 11 Uhr strömten die ersten Besucher auf die A40 – auf der bis auf die LKW eines Sponsors, der von dort Merchandising-Produkte verkaufte, nur noch Bierwagen und Einsatzfahrzeuge der Nothelfer standen. Ich stellte mein Auto auf einem der letzten Parkplätze in einer Seitenstrasse der Auffahrt des Bochumer Ruhrstadions ab und machte mich auf die Strasse zu erkunden, die ich gleich nach meiner Ankunft Ruhrschneckweg getauft hatte – nicht wissend, dass sie im Ruhrgebiet wegen ihrer allseits bekannten Staus liebevoll Ruhrschleichweg genannt wurde. Ich hatte mich bewusst für den Bochumer Teil der A40 entschieden, obwohl ich wusste, dass viele meiner Freunde und Bekannten in Essen unterwegs waren. Der dortige Bereich ist allerdings größtenteils an beiden Seiten mit Betonwänden befestigt, sodass ich schon beim Gedanken daran, dort auf der A40 zu feiern,  klaustrophobische Anwandlungen hatte. Der Bochumer Teil mit seinen begrünten Seiten erschien mir wesentlich verlockender und schöner.

Auf den vier Spuren mitten im Grünen herrschte bereits reger Betrieb: Radio Bochum, diverse Bochumer Clubs und (Sport-)Vereine, Privatpersonen, Freunde, Verwandte und Bekannte, saßen und standen an zum Teil sehr phantasievoll dekorierten Tischen und genossen den warmen Sommertag. In den Tunneln malten die Besucher Bilder an die Wände oder hinterließen mehr oder weniger lustige Sprüche oder einfach ihre Namen und Grüße. Ich schlenderte die A40 entlang, genoss die gute Stimmung, lauschte der Musik, staunte über die Einfälle einiger Besucher, hielt hier und da ein Pläuschchen und ließ mich durch das bunte Durcheinander treiben.

Bei @ruhrpoet, der ja nicht nur berufsbedingt ein bekennender Sportfan ist, gab es eine Nachbildung des Bochumer Schmuckkästchens als Tischdekoration zu bestaunen – und dazu allerlei selbstgemachte Leckereien, die mich natürlich ebenso magisch anzogen. In einer anderen Ecke feierte @jkorten mit nahezu seiner gesamten Familie, zwischendurch traf ich Steuerung B, @coolibri, @pottblog sowie diverse Kollegen und Bekannte. Das ganze Ruhrgebiet schien auf den Beinen zu sein.

Um es kurz zu machen: Eigentlich wollte ich nur ein oder zwei Stündchen gemütlich über die A40 flanieren. Geblieben bin ich rund sechs Stunden, in denen ich wunderbare skurrile, interessante und bunte Beiträge gesehen und Menschen getroffen habe – eben das Ruhrgebiet. Müde und vollkommen fertig machte ich mich um 17 Uhr auf den Rückweg zu „meiner“ Ausfahrt, während bereits die ersten Tische zusammengelegt wurden (was übrigens bis zum Montagmorgen um 5 Uhr andauerte). Vor anderthalb Jahren hätte ich nicht erwartet, dass mich diese Veranstaltung und ihre Menschen dermaßen in ihren Bann ziehen würde. Den unzähligen Freiwilligen, den Organisatoren und auch den zuständigen Behörden kann ich nur gratulieren und mich für diesen großartigen Tag bedanken.

Ich bin sicher, dass ich noch im Alter von 80 Jahren von diesem Tag erzählen werde. Der Tag, an dem Menschen auf 60 Kilometern der A40 miteinander redeten, diskutierten, lachten, feierten und einen einzigartigen Tag verbrachten.

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